Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau ein Stück der angeblich von Major Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da Österreich-Ungarn doch beim Warschauer Generalstab einen sehr verläßlichen russischen Offizier im Solde hätte, dem es ein Leichtes wäre, aus dem Dossier „H“ ein Stückchen der bewußten Schrift herauszureißen. Allein Majorauditor Haberditz war tief erschüttert, als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen in trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick die Nachricht überbrachte, daß der bewußte russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet worden sei, wie er sich beim Dossier „H“ zu schaffen machte, daß darauf eine Untersuchung seines Schreibtisches erfolgte, in welchem für Österreich ausgestellte Rechnungen gefunden wurden, und daß der Mann zwei Tage darauf standrechtlich gehenkt worden sei.
Nach der Entlarvung Redls erscheint sein damaliges Doppelspiel so ziemlich aufgeklärt: er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan Österreich-Ungarns an die Russen verkauft und wird den Russen gesagt haben, daß er nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für Österreich erzielen müsse. Er brauchte diesen Erfolg um so mehr, als damals der Verrat des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar wurde, und er unbedingt einen Sündenbock haben mußte. Da lieferten ihm die Russen denn den Hauptbeschuldigten Hekailo aus. Sie konnten dies um so leichter tun, als Hekailo nach seiner Flucht nach Brasilien für sie nicht nur wertlos, sondern sogar unbequem geworden war: hatte doch der russische Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte seines Lohnes geprellt und mußte eine Anzeige fürchten. Als aber dann die Untersuchung auf aktive österreichische Offiziere übergriff, an welchen der russische Generalstab noch ein Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird es an Vorwürfen und Drohungen der Warschauer Stelle gegen Redl nicht gefehlt haben. Das war der Grund, warum Redl plötzlich für die Unschuld des Majors Wienckowski und des zweiten Offiziers eintrat und die Gerichtsbehörde zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen diese zwei einzustellen. Dies gelang ihm aber nicht und Redl mußte nun in anderer Weise und um jeden Preis die Russen von seiner ferneren „Loyalität“ überzeugen. Da beging er dann die größte Schurkerei, indem er dem russischen Generalstabsoffizier in Warschau, der für Österreich arbeitete, eine raffinierte Falle stellte, und ihn so dem Galgen auslieferte.
Hekailo, Wienckowski und Acht wurden zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf Jahren verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von Josefstadt gestorben.
Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen russischen Oberst, der für Österreich einen Spionagedienst geleistet hatte, dem Tode überantwortete, ist durch die Promptheit der Denunziation erwähnenswert. Der Thronfolger Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch gewesen und hatte sich mit dem Zaren in verschiedenen politischen Fragen geeinigt; auf der Heimreise durch Rußland begleitete ihn Oberstleutnant Müller, der damals österreichisch-ungarischer Militärattaché in Petersburg war. Während der Fahrt trug der Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen. Oberstleutnant Müller verabschiedete sich vom Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch Laikow bei Müller ein und bot ihm den ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf an. Eine solche Gelegenheit konnte Oberstleutnant Müller trotz der erzherzoglichen Weisung nicht ungenutzt lassen, und vermittelte den Kauf des Aufmarschplanes. Nach kurzem Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg zurück und begegnete schon am ersten Tage bei Leuten, die ihm bisher freundschaftlich entgegengekommen waren, einer frostigen, beinahe beleidigenden Ablehnung. Erst als er in der Zeitung las, daß Oberst Cyrill Petrowitsch Selbstmord begangen habe, glaubte er diese Kälte seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen: man hatte jedenfalls erfahren, daß ihm Laikow den Mobilisierungsplan angeboten, und vermutete nun, daß er den Unglücklichen dazu verleitet habe. Aber das war es nicht, was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen, sondern sie verargten ihm, daß er seinen Spion an Rußland verraten habe. Daran war jedoch Müller, der übrigens am selben Tage von seiner Stellung abgelöst wurde, ganz unschuldig. Der ehemalige Reichsratsabgeordnete Graf Adalbert Sternberg hat mit der Gattin des russischen Großfürsten Paul und mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand über diese Affäre gesprochen und deduziert aus dieser Unterredung, daß es Redl gewesen sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten, dem sicheren Tode ausgeliefert habe.
Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem Obersten Redl die Schuld am Weltkrieg. „Dieser Schurke,“ sagt er von Redl, „hat jeden österreichischen Spion denunziert, denn der Fall des russischen Obersten wiederholte sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse den Russen aus und verhinderte, daß wir die russischen Geheimnisse durch Spione erfuhren. So blieb den Österreichern und den Deutschen im Jahre 1914 die Existenz von 75 Divisionen, die mehr als die ganze österreichisch-ungarische Armee ausmachten, unbekannt, – daher unsere Kriegslust und unsere Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann hätten unsere Generale die Hofwürdenträger nicht in den Krieg getrieben.“
Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß Redl alle österreichisch-ungarischen und sogar deutschen Spione, die in Rußland tätig waren, an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten erhoben. Diese Behauptungen haben viel Wahrscheinlichkeit für sich, ebenso wie die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung hat der österreichische Landesverteidigungsminister FML. Lt. v. Georgi das zwar bestritten, aber er hat darin ebenso unrecht gehabt, wie in der Bestimmung des Zeitpunktes, seit welchem Redl in feindlichen Diensten stand. Georgi war eben vom Generalstabskorps düpiert, das Einen der ihrigen auch dann noch zu entlasten versuchte, wenn er schon des größten militärischen Verbrechens überführt war. Redl mußte alles verraten, was man von ihm verlangte; das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt, wie Redl zum Spionagedienst angeworben worden sein muß, und wie sehr er sich daher in den Händen seiner Auftraggeber befand.
Ein Mann von den Fähigkeiten und dem Range Redls konnte nicht so zur Spionage verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns üblich ist. Es war fast immer die gleiche Methode: ein junger Leutnant, der sich auf einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca langweilte, bekam eines schönen Tages die Aufforderung einer Schweizer oder holländischen Zeitung, doch Stimmungsberichte über das Leben der Ortsbewohner und über die Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem schriftstellerischen Talente gehört usw. Er versuchte es, schickte etwas ein, bekam das Belegexemplar der Zeitung, die meist eigens für diese Zwecke gedruckt wurde, sah sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein Honorar von 200 Franken und große Komplimente der „entzückten“ Redaktion. Dann verlangte man andere Mitteilungen von ihm oder trug ihm einen Redakteurposten mit fürstlichem Gehalt an, – er möge sich Urlaub nehmen und nach Lausanne oder nach dem Haag kommen. Lehnte er es ab, so hatte man die große Pression bei der Hand: Organe der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft hätten sich bereits nach dem Artikelschreiber dringlich erkundigt, aber man habe das Redaktionsgeheimnis streng gewahrt, „weil man den wertvollen Mitarbeiter doch nicht verlieren wolle“. Dies sagte dem armen Leutnant genug. Wenn er sich nicht weiterhin willfährig zeige, würde er verraten werden. „Unbefugte Mitteilungen an die Presse“, vielleicht gar „Verrat militärischer Geheimnisse“, – denn was konnte nicht alles als militärisches Geheimnis angesehen werden!
Ranghöhere Offiziere, die strafweise in Grenzstationen kommandiert waren, oder durch die Einöde und die Einförmigkeit zu Alkohol und Hasard getrieben worden waren, wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote von Geldleuten, die geheim im Dienste des Nachbarstaates standen, in deren Abhängigkeit gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer haben am Anfang dieses Jahrhunderts in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen getrieben und sie waren es auch, die u. a. Hekailo, Wienckowski und Acht zum Spionagedienst zu pressen gewußt hatten.
Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, an Leute heranzutreten, die sich des Schmuggels oder anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten, und unter Zusicherung von Straflosigkeit sie in den Kundschafterdienst aufzunehmen. Zu dieser Kategorie gehören die berühmtesten Spione der Kriegsgeschichte. Friedrich der Große hat den Meisterdieb Andreas Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten aus dem Zuchthause von Stettin holen lassen, damit er vor der Schlacht bei Kolin den Zustand der belagerten Stadt Prag auskundschafte. Auch der König der Spione, Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder Meinau, der grand espion Napoleons I., war 1805 in die Dienste der geheimen französischen Militärpolizei getreten, als sein Straßburger Schmuggelgewerbe verraten war. In gewissem Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, daß er als Leiter des Kundschafterdienstes geistig angesteckt wurde. Gibt es eine zwiespältigere Beschäftigung, als Spione anzuwerben und Spione zu entlarven, Spionen Aufträge zu geben und Spione zur Bestrafung zu überantworten! Da – trotz Lassalle – die Arbeit stärker auf den Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter auf die Arbeit, mußte in ihm der Gedanke auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun könne, als die armen Kerle, die er leicht entlarvte und die trotzdem viel Geld verdienten, mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er sich, ehrgeizig wie er war, niemals zu solchen Diensten hergegeben – wenn er nicht das Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als Leiter der Spionage-Anwerbung mußte er natürlich von Agenten fremder Mächte überwacht werden, die wissen wollten, mit wem er verkehre. Diese Überwachungsorgane hatten bald das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte und Untergebene nicht wußten, – daß er verbotenen Umgang mit Männern pflege. Verschiedene Umstände weisen sogar darauf hin, daß jener russische Militärattaché, den Kaiser Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte, derjenige gewesen war, der Redl – allerdings lange vorher – zum Spionagedienst für Rußland gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität seines Gegners erfahren hatte, war Redl verloren, denn der Verrat dieser Anomalie mußte ihn den Kragen kosten, während er als gemeiner Verbrecher von Stufe zu Stufe steigen konnte, bis zum Generalstabschef und vielleicht noch höher.
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