Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei Fassungen sind verworfen worden. Redl entschloß sich, seinen Freund lieber mündlich zu beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr nach Wien, wohin auch Stefan aus seiner nahen Garnison kam. Die Unterredung im Hotel scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen zu haben, den Austro-Daimler-Tourenwagen zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt, das bewacht war.

Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich nach Bekanntwerden des Selbstmordes Redls der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da er vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität angezeigt worden und habe sich deshalb getötet. Es stellte sich heraus, daß er von den Spionagen seines Geliebten keine Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er – wegen widernatürlicher Unzucht – zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt.

Der ständige Verkehr des Obersten mit dem jungen Offizier war allgemein bekannt gewesen, doch hatte man darin nichts besonderes gefunden, da Redl den Leutnant überall als seinen Neffen vorstellte. In Wirklichkeit war er der Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als Kadettenschüler von Redl verführt worden. Dieser hatte dann die Kosten seiner Transferierung in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen getragen, ihm zwei Reitpferde gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken überhäuft.

Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen von Geldsendungen aus Rußland, Quittungen über gewechselte Rubel und vor allem photographische Platten. Er hatte in seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden Dienstbücher reservaten Charakters, Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche Elaborate photographiert, die in allen Staaten der Welt nach Muster der deutschen Generalstabsbücher – des Meisterwerkes des Feldmarschalls Moltke – verfaßt, aber natürlich überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen- und Dislozierungsverhältnissen entsprechend, adaptiert sind. Auch Befehle über Armierung und Verpflegung, Eisenbahntransporte und Durchführung von Truppenverschiebungen hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert und aktuelle Befehle des Kriegsministers Krobatin, des Erzherzogs Franz Ferdinand und des Chefs des Generalstabes Conrad v. Hötzendorf, die sich auf Organisationsfragen innerhalb des 8. Korps bezogen.

Dagegen fand sich hier noch kein Beweis dafür vor, daß Redl konkrete Kriegsvorbereitungen, wie z. B. Aufmarschdispositionen, Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen oder die Namen von österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande verraten habe, – so allgemein dies damals auch behauptet wurde. Die Spuren des Verrats, die sich in seinen Fächern fanden, reichten bloß anderthalb Jahre zurück, die Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser Zeit hatte Redl mit seiner Spionage einen Betrag von nahezu sechzigtausend Kronen verdient, etwa das Zehnfache seiner Gage. Aus dem Nichtvorhandensein von älteren Beweisstücken deduzierte dann Landesverteidigungsminister Georgi bei seiner Interpellationsbeantwortung im Parlamente, daß die Verrätereien bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte sich darauf antworten lassen, daß Redl schon seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen Aufwand betrieb, schon lange zwei Automobile besitze. Redl hatte zwar glaubhaft zu machen gewußt, daß er im Besitze eines großen Privatvermögens sei und eine große Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte vor mehreren Jahren in Neustift-Innermanzing ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch in Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm eingerichtete Wohnung, hielt Reitpferde und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine Verbrechen müßten daher mindestens bis in die Zeit zurückreichen, da er Leiter der österreichisch-ungarischen Kundschafterstelle im Evidenzbureau des Generalstabes gewesen sei, wenn nicht gar in die Zeit seiner Truppendienstleistung bei Regimentern der Grenzfestungen, beim Inf.-Reg. Nr. 9 in Przemysl und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg.

* * *

Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem größten Militärbefreiungs- und Spionageprozeß Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht, ein so merkwürdiges gewesen, daß zehn Jahre später, nach dem Selbstmord Redls, bei den wenigen Eingeweihten der Verdacht auftauchen mußte, er habe damals eine Doppelrolle gespielt, und auf eine Weise Menschenleben vernichtet, wie sie teuflischer kaum gedacht werden kann. Im Jahre 1903 wurden nämlich in Wien Vorerhebungen gegen den Oberstauditor Hekailo, Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in Lemberg geführt, der im Verdachte stand, durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen zu haben. Während der streng geheim geführten Erhebungen wurde der auf freiem Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst nach dem Bekanntwerden seiner Flucht meldeten sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen hervorging, daß Hekailo auch die ganze Heiratskaution eines Rittmeisters und das Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte. Ein paar Monate später erschien der Generalstabshauptmann Alfred Redl in der Kanzlei des nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm Haberditz, der die Untersuchung gegen Hekailo führte, und machte die überraschende Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen, von Redl beschafften Beweisen als Spion in russischen Diensten stand und wahrscheinlich auch den Aufmarschplan der österreichisch-ungarischen Armeen den Russen an der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe. Durch einen Brief, den Hekailo nach seiner Flucht an einen Freund in Galizien sandte, kenne man auch seinen gegenwärtigen Aufenthalt und seinen Decknamen „Karl Weber“ in Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren zu stellen wäre. Das bezügliche Aktenstück, in welchem natürlich nur von den gemeinen Verbrechen des Betruges und der Veruntreuung die Rede war, wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren vom Ministerium des Äußern auf telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet werden sollte, wies er einen russischen Paß vor, der auf den Namen „Karl Weber“ lautete, und stellte sich unter den Schutz des russischen Konsulats. Schon war verfügt, daß ein höherer Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des Festgenommenen eine Reise nach Brasilien unternehmen solle, als die Nachricht des österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba eintraf, Hekailo habe sein Leugnen aufgegeben, da man beim Öffnen seines Koffers ganz oben den österreichischen Paraderock gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der Verhaftete österreichischer Militär war, legten ihm die brasilianischen Gendarmerieoffiziere mitleidvoll einen geladenen Revolver in die Zelle. Aber Hekailo machte von der Waffe ebensowenig Gebrauch wie von der wiederholten Gelegenheit, die ihm der eskortierende brasilianische Artillerieoberstleutnant auf dem Seewege von Paranagua nach Rio de Janeiro bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de Janeiro wurde Hekailo auf einen nach Triest abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht, und muß durch die tropische Hitze schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft in Wien kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß wurde nun Hekailo zuerst über seine vielseitigen Unterschlagungen verhört. Der alte Kaiser interessierte sich lebhaft für diesen Prozeß und wurde über jede Phase durch seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes, Grafen Beck, unterrichtet. Der Kaiser selbst war es, der drängte, die Untersuchung auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos auszudehnen. Endlich war es so weit, daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise seines Verrates vorhalten konnte. Sie bestanden in der Hauptsache aus Photographien und Briefen, die Hekailo unter der Deckadresse der beim russischen Generalstabschef in Warschau angestellten Gouvernante an diesen gesandt hatte. Nach Angabe Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet, die das Ministerium für Landesverteidigung auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos wurde Hauptmann Redl als Sachverständiger zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens und des bestehenden Staatsvertrages mit Brasilien wegen Spionage nicht bestraft werden könne (weshalb er auch die Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt hatte), zeigte sich im Verlauf der Untersuchung sehr offenherzig und gestand unumwunden, was er allein oder mit Hilfe dritter den Russen geliefert hatte, darunter die Instruktion für die Alarmierung der Lemberger Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte er absolut nichts wissen und antwortete Redl, der in auffallendem Übereifer wiederholt in ihn gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes einzugestehen, einmal in treffender Weise: „Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen Aufmarschplan verschafft haben? Den kann nur jemand aus den Generalstabsbureaus in Wien den Russen verkauft haben.“

Nach langem Drängen nannte Hekailo auch seinen Komplizen, den Major Ritter von Wienckowski, Ergänzungsbezirkskommandanten in Stanislau. Schon am nächsten Tage fuhr der Majorauditor Haberditz mit den weitestgehenden Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung Redls und des Auditors Dr. Seliger dorthin. Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in dessen Bureau vorgenommen worden war, schritt man zur Hausdurchsuchung. Zuerst fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen nichts von Bedeutung vor. Im Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen des Majors mit der deutschen Gouvernante. Das hübsche Kind war anfangs sehr befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt an. Erst als es Redl beim Händchen ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann, wurde es zutraulicher. Redl legte der Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel zwei mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht darüber, daß das Kind richtige Antworten gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine ganz glücklich war. „Bist du auch so gescheit, daß du weißt, wo Papa seine Briefe versteckt?“ fragte Redl. „Natürlich,“ lachte das Kind und lief in das Arbeitszimmer des Majors, kroch unter den mächtigen Schreibtisch und deutete auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere Möbelstück umgelegt, man fand einen verborgenen Knopf, und als man auf diesen drückte, öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden Dokumenten. Die Kommission konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde beeinträchtigt durch die widerliche Art, wie Redl das unschuldige Kind zum Verrat am eigenen Vater mißbraucht hatte. Und dabei hatten die Kommissionsmitglieder keine Ahnung davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher sei als Wienckowski.

Wieviel gravierendes Material bei dieser Hausdurchsuchung gefunden worden war, kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten am Schluß ein Gewicht von 120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in einer großen Kiste aufbewahrt und von militärischen Posten bewacht, die die beiden Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal nun, – Majorauditor Haberditz war gerade abwesend, – wollte Redl von Dr. Seliger einen streng reservaten Mobilisierungsbehelf zur Einsicht haben, der sich im Aktenfaszikel befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis auf seine Instruktionen ab, worauf sich Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit darauf legte Redl dem Majorauditor nahe, er möge beantragen, Redl nach Rußland zu entsenden, da in Warschau noch einige unklare Momente der Affäre zu erheben seien. Der Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag ab, da die Erhebungen für das Verfahren nicht relevant seien. Nach Verhaftung eines weiteren Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht, Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten, fuhr die Kommission nach Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen fortgesetzt wurden.

Da ging in Redl eine auffallende Veränderung vor, denn so eifrig er anfangs für die Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet hatte, ebenso eifrig begann er sich plötzlich für dessen Unschuld einzusetzen. Dies ging so weit, daß der Untersuchungsleiter Haberditz es ihm einmal unter vier Augen vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit in Frage stellen mußte. Es kam zu einer ziemlich heftigen Auseinandersetzung, nach welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus Oberst Hordliczka die Ablösung Redls als Experten verlangte. Oberst Hordliczka gab ihm in der Hauptsache recht, und versprach, auf Redl entsprechend einzuwirken; zu einer Ablösung Redls könne er sich jedoch nicht entschließen, da ja die Überweisung des Hauptbeschuldigten ein Verdienst Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die Früchte seiner Bemühungen bringen wolle. Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden, Redl wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender und unterließ besonders seine hemmenden Einwände.