„Und der General war nicht da?“

„Nein, der ist gestern in Wien gestorben.“

Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, der im Privatberuf Redakteur ist, ist dem unentschuldbaren Endback und pflichttreuen Schlossergehilfen gar nicht mehr böse. Er sagt ihm nicht mehr: „Erzähl’ mir ‚keine Geschichten‘“, sondern läßt sich die Geschichte ganz genau erzählen, wie der Wiener Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten gereicht hat und wie der jedesmal verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt hat: „Schrecklich, schrecklich! Wer hätte das für möglich gehalten!“ Auch, daß die Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, wie von einer Dame, lauter Toilettegegenstände und Parfüms und Brennscheren, aber die parfümiertesten Briefe seien von lauter Männern gewesen, deren Namen sich die Wiener Herren notiert haben.

Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß es sich um die Wohnung des Generalstabschefs Redl handelt, dessen Selbstmord samt begeisterter Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gemeldet und wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden ist. Und er hat gar keinen Anlaß, eine Diskretion zu bewahren, um die er nicht ersucht worden ist, ein Geheimnis zu hüten, das man ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt einen Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag würde eine Mitteilung ganz gewiß konfisziert werden. Oder soll man es doch versuchen? Beratung mit dem Chefredakteur. Man entschließt sich zu einem Kompromiß: man riskiert die Beschlagnahme der Abendausgabe und wird die Nachricht in Form eines Dementis bringen. „Von hervorragender Seite werden wir um Widerlegung der speziell in Offizierskreisen aufgetauchten Gerüchte ersucht, daß der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Redl, der bekanntlich vorgestern in Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat militärischer Geheimnisse begangen und für Rußland Spionage getrieben habe. Die nach Prag entsandte Kommission, bestehend aus einem Oberst und einem Major, die in Gegenwart des Korpskommandanten Baron Giesl die Dienstwohnung des Obersten Redl und deren Schubfächer am Sonntag geöffnet hatte, hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu forschen, usw.“. Solche Dementis versteht selbstverständlich jeder Leser, es ist so, wie wenn man sagt: „Der X. ist kein Falschspieler.“ Aber konfiszieren ließ sich der Bericht schwer, vielleicht glaubte der Presse-Staatsanwalt, das Dementi stamme vom Korps-Kommando, das Korps-Kommando glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls erschien das Abendblatt, der Draht gab die Nachricht nach Wien, die Reporter liefen ins Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig Dringlichkeitsanträge und Interpellationen eingereicht, und ganz Österreich wußte von den Ursachen des Selbstmordes, die die maßgebenden Kreise des Auslandes, deren Spion Redl ja gewesen war, ohnedies sofort gewußt hatten, und die man im Inlande sogar vor dem Kaiser geheimhalten wollte.

Man hatte auf die Verhaftung des Spions und auf ein gewiß aufschlußreiches Gerichtsverfahren mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen usw. verzichtet, man hatte eine Nacht lang das Hotel bewacht, Spezialeide der Geheimhaltung leisten lassen. Und nun erfuhr die ganze Welt davon. Weil ein Endback ein Wettspiel versäumt hatte. Gegen Union-Holeschovice.

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Das Erste, was die Kommission beim Eintritt in die Wohnung des Gerichteten verblüfft hatte, war der weibische Geschmack, der sich überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot gehalten, seidene Steppdecken und rosa Plüschüberwurf auf dem Himmelbett, Alabaster vorherrschend, als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte und Figuren (bloß die große Napoleonbüste über dem Schreibtisch war aus Bronze), überall zierliche Nippes, und alle drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln, Tuben, Tiegeln, Brennscheren, Manikurekästen, Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel auf.

Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden war, und man feststellte, daß die zahllosen mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts von Männerhand stammten, hatte man die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl war homosexuell gewesen.

Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb geworfen, zeugten von der Leidenschaft Redls für den jungen Ulanenoffizier in Stockerau; der hatte sich in ein Mädchen verliebt und wollte es heiraten, während ihn Redl mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich gewinnen wollte.

„Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief vom 22. d. Mts. habe erhalten, und kann es nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen willst, wo Du mir so oft Treue und Dankbarkeit gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen, daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich machen wirst, am Anfang erscheint alles voller Illusionen und wunderschön, sind jedoch die Mysterien vorbei, so erkennt man, was eine Frau ist. Sage ihr keinesfalls etwas von mir! Frauen mischen sich in alles, und das, was sie nicht verstehen sollen, ist das einzige, was sie verstehen. Ich warne Dich noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin verzweifelt, und weiß nicht, was beginnen soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren (Davos?), könnte Dir sofort Urlaub verschaffen, und glaube auch, Dir den versprochenen Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu können. Wenn Du nach Wien kommen könntest, lieber Stefan, so schreibe mir sofort, würde dann ...“