Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, gegen Schluß der Amtsstunden, weckte plötzlich das Glockensignal die Agenten aus ihrer wochenlangen Ruhe. Bevor sie durch den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt zur Dominikanerkirche, zum Restanteschalter kamen, wo der Beamte mit Langsamkeit, aber doch auch nicht mit auffallender Langsamkeit, der Partei die Briefe mit der „Opernball“-Chiffre ausgehändigt hatte – war der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, sie erblickten ihn noch, einen stattlich gebauten Herrn, der die Türe des angekurbelt gebliebenen Autos hinter sich zuschlug. Sie sahen auch den Wagen davonfahren. Es war ein Mietsauto.
Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte aufnehmen können, hatten die beiden Detektivs nicht. Was half es ihnen, daß sie die Nummer des Autotaxis hatten lesen können? Was half es ihnen, daß sie am nächsten Tage den Chauffeur würden ausforschen können, woher und wohin der „Ritt“ gegangen sei? Der Fremde war doch sicherlich weder von seiner Wohnung gekommen, noch in seine Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen Geldsummen steigt auf der Straße aus oder im Café oder vor einem Durchgang, und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher war den beiden Detektivs nur eines: daß gegen sie eine Disziplinaruntersuchung angestrengt werden würde, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte.
Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische Wehrmacht eine Kette von unglaublichen Zufällen, „Jägerglück“.
Während die beiden Agenten beraten, ob sie auf eigene Faust den Chauffeur noch heute nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen mit ihm ein Märchen von abenteuerlicher Flucht des Unbekannten ausdenken sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei ihr Mißgeschick melden müßten, – – fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an ihnen vorbei. Sie lesen die Nummer, – es ist der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie pfeifen, schreien, laufen. Das Auto hält. Es ist leer.
„Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt geführt?“
„Ins Café Kaiserhof.“
„Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.“
Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs im Innern des Wagens und finden das Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus hellgrauem Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der Fahrgast nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand. Ja, ein Herr, der so aussieht, ist eben weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und dort weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich ist er kein Wasserer, denn am Autostand sind keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer servieren kann, aber er putzt die Karosserien und betätigt sich vornehmlich als Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört, wohin der gnä’ Herr befohlen hat: „Ins Hotel Klomser.“
Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird der Hotelportier ausgeforscht. „Grad’ jetzt saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute saans aus Bulgarien.“ – „Und vorher ein Herr allein?“ – „Im Auto? Dös waaß i net. Vor einer Viertelstund’ is der Herr Oberst Redl kommen. In Zivil war er, dös waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg’fahren is.“
Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der Name Scheu ein. Sie kennen ihn gut. Er hat ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit einer Nachtruhe nicht anerkannt, wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur Strecke gebracht, wenn er im Gerichtssaal als berufenster Sachverständiger, als Leiter des österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes die Schuld des angeklagten Spions in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig wäre es, wenn der Beheber der Geldsendungen wirklich ein Spion wäre und nun zufällig im selben Haus, ja vielleicht Wand an Wand mit dem Chef der Spionageabwehr wohnte, in der Höhle des Löwen!