Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt keine Zeit. Regierungsrat Gayer von der Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener Hauptpostamt bereits davon in Kenntnis gesetzt worden, daß die Briefe behoben sind. Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung ausgefallen ist. Auch anfragen, ob der Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß Oberst Redl die Untersuchung im Hotel leite – er wohnt nämlich zufällig gerade hier. Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht werden. Während der eine der beiden Agenten zum Telephon geht, spricht der andere mit dem Portier. Er überreicht ihm das Messerfutteral, damit er seine Gäste frage, wem es gehört.

Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen vom ersten Stock herab und legt dem Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf den Tisch. „Haben Herr Oberst das Futteral Ihres Taschenmessers verloren?“ fragt der Portier.

„Ja,“ antwortet Oberst Redl und steckt das hellgraue Tuchsäckchen gedankenlos in die Tasche, „wo habe ich es denn ...“

Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt hat er ja sein Taschenmesser benützt, als er auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der Geldbriefe aufgeschnitten hat. Dort hat er die Messerhülse liegen lassen. Er schaut den Mann an, der neben dem Portier steht, und mit anscheinendem Interesse die Briefe durchblättert, die auf dem Tisch liegen.

Oberst Redl hat die Frage, wo er das Futteral liegen gelassen habe, nicht zu Ende gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er weiß: in wenigen Stunden werde ich tot sein.

Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig um und geht die Herrengasse rechts hinunter. Bevor er an der Ecke beim Café Central ist, schaut er wieder zurück, ob niemand das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer vor, die aus der Schwemme des Restaurants Klomser treten.

Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, die Nummer 12348 aufzurufen, die Geheimnummer der politischen Staatspolizei: „Sagen Sie, daß alles in Ordnung ist, – das Futteral hat dem Herrn Oberst Redl gehört.“

Da die beiden Agenten an die Ecke der Strauchgasse kommen, – ist Oberst Redl verschwunden. Weder in der Strauchgasse, noch in der Wallnerstraße ist er zu sehen. Kann er inzwischen den Haarhof erreicht haben, der zur Naglergasse führt? Nein, selbst laufend nicht. Also ist er im Haus der alten Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, zwei durch das Café Central und einen gegen die Freyung zu. Alle Achtung vor einem Manne, der vor zwei Minuten unvermutet entlarvt wurde, der seit zwei Minuten sein Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit des Entkommens kaltblütig versucht!

Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel Klomser zur Staatspolizei, vom Schottenring zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau des k. u. k. Generalstabs. Oberst Redl! Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr Lehrer, ihr Vorbild, ihr Ratgeber ist es, um den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der Nachfolger Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, fährt selbst sogleich zur Hauptpost, um den Schalterbeamten zu fragen, wie der Beheber der Briefe ausgesehen habe. Auch ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die Chiffre ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen suchen die anderen Herren im Evidenzbureau die Handschriften Redls hervor. Es ist kein Mangel daran: eine „Anweisung zur Anwerbung und Überprüfung von Kundschaftern, verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. Hauptmann im Generalstab“ ist da, fünfzig Paragraphen lang, ein „Schema für die Beschaffung von Kundschaftermaterial“, „Normen zur Aufdeckung von Spionen im In- und Ausland“, ein dickes Faszikel „Gutachten in den Jahren 1900 bis 1905“. Man bereitet all das auf dem Tische vor. Aber als Hauptmann Ronge vom Postamt kommt, den Zettel in der Hand, „Opernball 13“, bedarf es keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort leicht und dünn hingeschrieben, aber von einer ausgesprochenen Verstellung kann keine Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten Redl.

Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. In der Passage zur Freyung haben sie den Verschwundenen wieder ausgespäht. Aber auch er hat sie gesehen. Und weiß: daß er zweien nicht entwischen kann. Er zieht Papiere aus der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr belastende Papiere, deren er sich ohnedies entledigen muß, wenn er sich verteidigen will) und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er in der Passage auf die Erde. Einer der Detektive, nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben der Fetzen aufhalten, und dem anderen kann er vielleicht entkommen. Aber die Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der Freyung halten sie ein Auto an, und geben dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. Dann erst kehrt der eine Agent in die Passage zurück, sammelt die Schnitzel und bringt sie zur Polizei. Von dort fahren die Papierchen sofort im Auto ins Evidenzbureau, wo sie zusammengestellt werden. Es sind Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine Geldsendung an einen Ulanenleutnant Stefan H. und drei Rezepisse über eingeschriebene Briefe nach Brüssel, Warschau und Lausanne – alle drei Adressen sind dem Evidenzbureau als Spionageadressen bekannt. Daß es Spionage für Rußland war, die der Adressat der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische Grenzstation. Da Rußland seinen Spionagedienst mit Frankreich gekoppelt betrieb, war die Brüsseler Adresse (eine Expositur französischer Spionage) nicht weiter überraschend. Aber die Lausanner Adresse war die der dortigen italienischen Spionagezentrale.