Es muß gehandelt werden. Soll man sofort mit Verhaftung vorgehen? Mit militärischer oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man sofort den Kaiser benachrichtigen? Oder den weiteren Verlauf der Untersuchung abwarten? Dem Verbrecher ermöglichen, daß er sich der irdischen Gerechtigkeit entziehe?

Oberst Redl geht über den Tiefen Graben und die Heinrichsgasse zum Franz-Josefs-Kai. Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten folgt ihm. Am Kai biegt er nach links ein. Er will wohl in die Brigittenau. Dort ist er heute um vier Uhr nachmittags in seinem Kettenwagen, den er im August 1911 bei Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus Prag angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen A. R. in Goldbuchstaben verschlungen, auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist kein wagerechter Strich, sondern besteht aus zwei schrägen Linien: es sieht wie ein „v“ aus. Auch ist eine Krone über dem Monogramm, zwar nur die fünfzackige Bürgerkrone, – aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat er das Auto eingestellt, damit der die Seitenwände des Chassis in den unteren Teilen mit Glanzleder bekleide und das ganze Innere mit bordeauxroter Seide neu tapeziere, binnen vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der Herr Oberst will schon Dienstag im restaurierten Wagen nach Prag zurück. Dem Chauffeur hat er den Auftrag gegeben, bei Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, und dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt zu sein. Dann ließ er sich vom Wallensteinplatz ein Mietsauto holen, und fuhr ins Hotel Klomser, wo sein Diener Josef Sladek vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem Prager Zug eingetroffen war.

In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan H. zu Besuch erschienen, ein junger Kavallerieoffizier aus Stockerau, der Geliebte Redls. Eine lange Auseinandersetzung hatte stattgefunden, deren Substrat man später in Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in dem Hotel den jungen Freund wieder für sich gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant Stefan H. fortgegangen. Zehn Minuten später Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt. Das Geld beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. Jetzt mußte es sein. Er wollte seinem Stefan ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren.

„Über Land fahren ...“ Und jetzt hastet Redl mit unheimlichem Gefolge den Donaukanal entlang, und denkt, wie gut es wäre, in seinem Tourenwagen zu sitzen und – auch ohne Glanzlederbelag an den unteren Teilen des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten – schön über Land fahren zu können. Über Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß daran nicht zu denken ist, und kehrt über den Schottenring nach Hause zurück.

Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski von Ostromiecz ist beim Grand-Hotel vorgefahren. Im Speisesaal sitzt „der Chef“ in großer Gesellschaft. „Was bringst du mir Schönes?“ fragt Conrad von Hötzendorf den Freund. Die Musik spielt ein Potpourri aus dem „Graf von Luxemburg“, der neuen Operette: Bist du’s, lachendes Glück ...

„Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um ein Gespräch unter vier Augen bitten?“

„So dringend? Na, alsdann geh’n wir!“

Der Chef des Generalstabes geht mit dem Chef seines Evidenzbureaus durch den Speisesaal.

In einem Nebenraum erstattet Urbañski die Meldung. Conrad war schon auf Schlimmes gefaßt. Aber als er hört, um was es sich handelt, wird er kreidebleich. Er spricht kein Wort. Er versucht, sich die Tragweite dieses Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt, – Empörung braust heran, – die Truppe haßt den Generalstab ohnedies, „die Auserwählten“ – was wird das Ausland sagen! der Feind! – welch ein Triumph! Alles schon morsch, sagt man gerne der Monarchie nach – und im verbündeten Reich, welche Besorgnis, welches Mißtrauen! Und bei den oppositionellen Nationen, was wird geschehen, wenn in dieses Pulverfaß ein Zündstoff fällt! Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch ist, – sie fordert höchste Anspannungen –. Der Chef des Generalstabes denkt nach. „Diese alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für fünf Minuten aufhören wollte!“ Er setzt sich, steht wieder auf. Spricht die Entscheidung aus:

„Der Schuft muß ergriffen werden, man muß aus seinem Munde hören, wie weit der Verrat reicht und – dann muß er sofort sterben!“