Unterdessen aber entwickelte sich an Bord der „Auguste Viktoria“ ein interessantes Leben und Treiben. Was an Kisten und Koffern und Taschen den Passagieren gehörte, wurde von den Stewards aufs Hauptdeck geschleppt, um von der unterdessen eingetroffenen Zollbehörde revidiert zu werden. Mächtige Gepäckstücke waren schließlich dort der ganzen Schiffslänge nach auf beiden Bordseiten aufgetürmt, und die endlose Barrikade krönten Dutzende von Geweihen und andere unbequeme Naturalien, während man sich die kleinern norwegischen Sachen längst durch den Schiffsschreiner in solide Holzkisten hatte zusammenpacken lassen. Da hielt denn jeder Wacht bei seiner Bagage; kaum blieb ein schmaler Gang des Hauptdeckes frei, durch welchen man mit einigen Hindernissen passieren konnte, und doch wurden immer noch neue Koffer und Dinge von ganz unheimlichen Dimensionen heraufgeschafft und — teilweise über unsern bedrängten Köpfen — weiter befördert. Diese Situation, die etwa eine Stunde, d. h. bis zur Erledigung der Zollrevision, dauerte, zeitigte eine ganz besondere Art von Humor, und unter fast unausgesetztem und rasch sich ausbreitendem Gelächter fügte man sich in die komischen Unzulänglichkeiten derselben.

Eben wird ein Tisch für den Sekretär der Zollbehörde mit Mühe und die Ecken in drohender Nachbarschaft unserer vorsichtig zurückgelegten Häupter vorbeigetragen. „Jetzt fehlt nur noch eine Nähmaschine und ein Fortepiano“ meint unser Nachbar. „Bitte genieren Sie sich gar nicht“ sagt ein dicker, zwischen Gepäckstücken eingezwängter Herr, vor dessen Nase sie eben eine Riesenkiste vorbeischieben, während die Träger seine Hühneraugen als Unterlagen benutzen. „Habe soeben die Front abgeritten“, meldet ein jovialer Bayer, welcher sich mit den Ellbogen und einer sehr ungenierten Schnauze an der Koffer-Allee vorbeigedrückt und bis zu unserem Standorte durchgearbeitet hatte.

Was zollrevidiert war, wurde sofort auf den Frachtdampfer geschafft, während die Besitzer sich auf der „Blankenese“ einen guten Platz suchten. Endlich kam die Reihe auch an uns. Am meisten Verzögerung veranlaßte die Wienerin mit den 32 (oder waren es 22?) Hüten, welche 17, wohlgezählt siebzehn mächtige Koffer und Körbe an Bord hatte und so der Schreck der ganzen Schiffsmannschaft geworden war, daß ihr Verlangen, mit der „Auguste Viktoria“ nach Amerika zu fahren, von der zuständigen Verwaltung rundweg abgewiesen wurde.

Als der letzte Passagier das herrliche Schiff verlassen, da fiel die Brücke zwischen ihm und der kleinen „Blankenese“, und nun ging’s ans Abschiednehmen von dem stolzen schwimmenden Gebäude, das uns während 22 Tagen Heimat in schönen fremden Landen und Meeren gewesen war. Buntbewimpelt grüßte es seine scheidenden Insassen; Stewards und Matrosen standen in langen Reihen und winkten. Auf dem Hauptdeck waren die Schiffsoffiziere plaziert, und was zum Schiffe gehörte, stimmte mit ein in das dreifache Hoch, das der erste Offizier zu Ehren der Reisegesellschaft ausbrachte. Oben auf dem Promenadendeck aber harrte, ebenfalls Abschied winkend, die wackere Schiffskapelle des Taktstockzeichens ihres Dirigenten; jetzt erhebt er den Arm und senkt ihn rasch, und nochmals — zum letztenmal — erklingt die uns so lieb gewordene norwegische Nationalhymne („Ja, wir lieben dieses Land“), und die Wirkung, welche dieser letzte Gruß Norges in unseren Seelen erzeugte, brachte es uns zum Bewußtsein, daß auch wir dieses Land lieben gelernt haben.

Langsam umkreiste die Blankenese den ruhig daliegenden Riesen; aller Blicke blieben unverwandt auf ihn gerichtet und suchten nochmals die Plätze, auf welchen man gewöhnlich geweilt und von denen aus man so viel Schönes hatte sehen dürfen.

Dann aber ging’s elbaufwärts Hamburg zu. Unterwegs verabschiedete man sich von seinen Schiffsbekannten, ein Abschied ohne Thränen und Seufzer zwar, aber von den lieben Holsteinern, unsern Tafelgenossen, doch mit dem Gefühle aufrichtigen Bedauerns.

Bald nachher saßen wir in Hamburg an aussichtsreichem Fenster unseres Gasthofes und schwelgten — den Blick halb verloren auf das bewegte Straßenleben gerichtet — in der Erinnerung an die schönen Reisetage. Plötzlich warf sich meine Schwester fast aus dem Fenster und wir folgten nach. Was war’s? Eine amerikanische Familie, welche zu den Passagieren der „Auguste Viktoria“ gehört, mit welcher wir aber nie ein Wort gewechselt und die wir nicht einmal dem Namen nach kannten, fuhr vorbei, und wir begrüßten uns mit so intimem Gebärdenspiel, als ob vertraute Freunde nach jahrelanger Trennung sich unerwartet wieder getroffen hätten.

Dieses Schauspiel wiederholte sich noch verschiedene mal, denn die Stadt Hamburg wimmelte an jenem Tage von Auguste Viktoria-Leuten, und wir erfuhren, daß in der That gemeinschaftlich verlebte Reisewunder ein Kitt sind, der die heterogensten Menschen sich näher bringen und etwas zusammenhalten kann.

Von Hamburg ging’s über Berlin, Dresden, Karlsbad, München nach Hause und mit Lust wieder an die Arbeit. Daheim wurde mit aller Sorgfalt die in Spitzbergen erbeutete Flora in den Garten versetzt und seither tagtäglich begossen und behütet, so daß sie nun — zaghaft zwar, doch hoffnungserweckend — zu grünen beginnt. An anderer Stelle aber — im Herzen — grünen und blühen die von unserer Nordlandsfahrt mitgenommenen Erinnerungen, und die haben lebenskräftige Wurzeln gefaßt.