Abends war noch ein üppiges Abschiedsdiner, als Glanznummer glace illuminée. Es wurden plötzlich die elektrischen Lampen ausgelöscht und wir saßen einen Moment unter augenblicklichem Stocken der Konversation und allgemeinem Ah! im Dunkeln. Aber das Licht kam sofort in origineller Gestalt. Es stürzte herein das Heer der Stewards: jeder trug auf eleganter Servierplatte eine kristallhelle, dicke Eisscheibe, welche in einer mittleren Höhlung eine leuchtende Flamme enthielt; an den Rand der Scheibe angelehnt lag Gefrorenes in allen Farben und reflektierte außerordentlich hübsch in dem spiegelglatten Eise. Diese wandelnden bunten Lichtquellen, von welchen man sich allerorten seinen Bedarf an Glace wegschnitt, machten einen sehr originellen Effekt. Unterdessen hatte sich ein mächtiges Gewitter zusammengezogen; eine drohende schwarze Wand war schon längst gegen Süden aufgetürmt und grelle Blitze zuckten darin, deren Donnern erst nach Minuten zu uns gelangte. (In Hamburg und Berlin hatte das Unwetter, wie wir hernach erfuhren, übel gehaust.) Immer näher kam die großartige Naturerscheinung und unsere Masten wurden schleunigst mit ins Meer tauchenden Blitzableitern versehen.
Bei dieser Gelegenheit bot die tintenschwarze Flut den Anblick des Meerleuchtens, wenn auch lange nicht in der Intensität, wie ich es von tropischen Gewässern her in Erinnerung hatte.
Auf 9 Uhr war ein Dankgottesdienst im großen Speisesaal angesagt. Als Prediger funktionierte der amerikanische Krösus; die Sache war gut gemeint, aber fürchterlich lang, und statt der Befriedigung eines innern Verlangens, der Dankbarkeit für die so genußreich und ohne Unfall zurückgelegte Fahrt irgendwie und -wo Ausdruck verliehen zu sehen, empfand ich schließlich — wahrscheinlich ein schlimmes Selbstzeugnis — entsetzliche Langeweile und ärgerte mich über jede Minute, die ich länger unter Deck sein mußte, während ja draußen Gott in der Natur zu uns sprach. Aber nicht wahr, Frau Landrat, Ihnen ging’s auch so?
Schließlich ergriff, von Herrn Wanamaker, der natürlich englisch resp. angloamerikanisch gesprochen hatte, eingeladen, noch ein Deutscher oder Deutschamerikaner das Wort und schilderte sehr beredt, was für ein ausgezeichneter Mann der Herr Vorredner sei und wie ihm die ganze Gesellschaft für die Veranstaltung des heutigen Dankopfers zu Dank verpflichtet bleibe. Und damit schloß der „Dankgottesdienst“, wofür denn endlich auch noch ich von Herzen dankbar sein konnte.
Das Finale des heutigen Tages bildete ein Kunstgenuß im Musiksalon, eine kleine Brahmsfeier. Wir hatten nämlich in letzter Stunde eine eminente Klavierspielerin entdeckt in der Persönlichkeit einer jugendlichen Berlinerin. Die schwärmte für Bach, Schumann und Brahms — aber sie kannte sie auch, ihre Angebeteten, und ich war im höchsten Grade überrascht, als ich tags zuvor als unbemerkter Zuhörer Zeuge sein konnte nicht nur einer hervorragenden Technik, sondern einer vollendet künstlerischen Auffassung und eines phänomenalen musikalischen Gedächtnisses, über welche die aus dem Vollen spendende junge Dame verfügte. Heute Abend wollte sie uns Brahms spielen, so hatte sie freundlich und ohne sich lange bitten zu lassen versprochen. Aber dazu brauchte es die Weihe eines stillen Ortes und einer kleinen andächtigen Zuhörerschaft. Wir pilgerten so gegen 11 Uhr zum Konversationssalon, wo der Steinwegflügel stand und wo’s in jenem Momente leer und ruhig schien. Aber die Eintretenden empfing ein Herr, der wohl nur auf Zuhörerschaft gewartet hatte, mit gräßlichem Klaviergehack: halb Straußwalzer, halb Volkslied, halb freie Phantasie, dazu immer den unrichtigen Baß, als ob rechte und linke Hand auf Kriegsfuß mit einander lebten. Nachdem wir einige Minuten so gelitten, lenkte der freie Vortrag, der sich eben noch im Gewühle einer Schlacht oder auf einer unmusikalischen Bauernhochzeit bewegt haben mochte und dem plötzlich der Atem ausgegangen, ganz genial unvermittelt ein in la prière d’une vierge; aber nachdem das einmal und unter ständiger Zuhülfenahme des Pedals heruntergezittert war und nochmals an die Reihe kommen sollte, da schwand unsere Kraft und Selbstverleugnung, und ich erklärte dem Orlando furioso die Situation, in der Meinung, auch ihm damit einen Dienst zu erweisen. Die Voraussetzung war falsch. Der gute Mann war tödlich beleidigt, entfernte sich mit Ostentation und erschien sehr bald wieder als Störefried in unserer kleinen Brahmsgemeinde, und als ich, dem Wunsche der um Ruhe bittenden Künstlerin folgend, mich als Hindernis vor die geschlossene Thüre setzte, da ging der Wütende und wiegelte das Volk auf, und nun kamen sie in Scharen und verlangten stürmisch freie Passage, wobei ich, von Blicken durchbohrt, ruhig sitzen blieb. So wäre es beinahe zu einem zweiten kleinen Schwabenkrieg gekommen; aber schließlich gab einer nach, diesmal ich, und zwar wieder auf Wunsch der Spielenden, und als das Flugloch wieder offen stand, war unterdessen dem Paar wilder Vögel das Fliegen verleidet, und wir konnten nach und nach in Ruhe unsern Brahms genießen, bis der vernünftige Papa kam und sagte: „Liebes Kind, jetzt mußt du aber zu Bette; sonst schläfst du mir vor lauter Brahms wieder die ganze Nacht nicht.“
Thatsächlich konnten auch wir Zuhörer lange nicht einschlafen; denn das vergeistigte Spiel der schwärmerischen Künstlerin, die ihr Bestes gegeben, hatte uns in ganzer Seele bewegt und uns ein paar neue Einblicke in die Tiefe der Brahmsschen Kunst geöffnet.
Es schien kaum der Mühe wert, das ärgerliche Intermezzo dieser weihevollen Stunde hier überhaupt zu erzählen; aber ich wollte mich dadurch rechtfertigen gegenüber einigen sonst sehr anständigen Mitpassagieren, welche damals, falsch unterrichtet, vor dem geschlossenen Musikthor auch über den „arroganten Schweizer“ mittobten, ohne zu wissen, daß die Arroganz in diesem Falle eine selbstverständliche höfliche Rücksicht war.
Vor Mitternacht passierten wir Helgoland, dessen Leuchtturm und Strandlichter weithin glänzten und lange sichtbar blieben, und einige Stunden später fuhr unser Schiff — mondbestrahlt — in die Elbemündung, um am ehemaligen Ausgangspunkte, bei Brunshausen, sich vor Anker zu legen. Da schlief denn wohl ausnahmsweise einmal alles an Bord, vom Kapitän bis zum Heizer, einige Stunden.
Am andern Morgen steckten wir in dichtem Nebel und vernahmen die tröstliche Kunde, daß bei solchem Wetter an ein Ausbooten nicht zu denken sei. Ein Steward erzählte mir als Aufmunterung, wie die „Auguste Viktoria“ von Amerika zurückkehrend einst fast dreimal 24 Stunden vor der Elbemündung im Nebel liegen mußte, eine rechte Geduldsprobe für die sich nach dem nahen Festlande sehnenden überseeischen Passagiere. Aber gegen 9 Uhr wurde das Nebelmeer dünner und durchsichtiger; schon erschienen die Häuser Brunshausens am Strande in geisterhaften Formen und Umrissen, und endlich wurde die liebe Sonne gänzlich Meister und die Elbufer glänzten weithin bis gegen Hamburg in vollkommener Klarheit. Da sahen wir denn auch die „Blankenese“ und einen Frachtdampfer auf uns zusteuern, welche Menschen und Legionen von Koffern nach Hamburg schaffen sollten.