Die letzte Barkassenfahrt nach unserem Schiffe war fast lebensgefährlich, so wimmelte es von Gehörnten, d. h. Passagieren, welche erstandene Rentier- und Elchgeweihe bei sich trugen und aus Platzersparnis hoch in die Luft hielten.
XVI.
Abfahrt von Bergen. — Abschied der Lotsen. — Letzter Tag zur See. — Brahmskultus mit Schwierigkeiten. — Zollrevision in der Elbe. — Abschied von der „Auguste Viktoria“. — Zum letzten Male die norwegische Nationalhymne. — Heimkehr.
Die Ausfahrt aus dem Hafen von Bergen wird allen Beteiligten in unauslöschlicher Erinnerung bleiben. Unser Schiff war umschwärmt von Booten aller Art. An der Küste stunden Hunderte und winkten. Aus der Festung grüßte es mit Kanonendonner, und als sich die „Auguste Viktoria“ unter den Klängen der norwegischen Nationalhymne in Bewegung setzte, da begann ein Tücherwehen und Abschiedsrufen von allen Seiten. Herrlich ging die Sonne unter und vergoldete mit breitem Saume Meer und Gebirge; mit dem erlöschenden Glanze des Tagesgestirnes kämpfte das silberne Licht des Vollmondes. Alle Linien, namentlich die Umrisse der felsigen Inseln, zwischen denen wir dahinglitten, erschienen in radierter Schärfe; einmal winkte von geisterhaftem Riffe herab eine jugendliche Norwegerin dem stolz vorbeisteuernden Schiffe, während sie mit der rechten Hand die Augen gegen den glänzenden Abendsonnenreflex schützte — ein überaus reizendes Schattenbild, das Konewka geschnitten haben konnte.
Und nun kam eine kleine Szene, die manche Augen feucht machte. Zur Rechten hatten wir die letzte Insel, welche gegen das offene Meer vorgeschoben ist, und beim Glanze des Vollmondes sahen wir das unendliche majestätisch vor uns ausgebreitet. Da hielt unser Schiff; ein kleines Boot näherte sich ihm, vom Wogengange gehoben und gesenkt. Die Strickleiter wurde vom Hauptdecke zur Wasserfläche heruntergelassen, und auf ihr schieden von uns die beiden prächtigen Grauköpfe, die norwegischen Lotsen, welche seit drei Wochen unser Schiff sicher durch all’ die Fährlichkeiten der nordischen Schärenwelt gelenkt hatten. Als sie in dem schwankenden kleinen Boote saßen, der eine sofort am Steuer, und ihre Hüte zum Abschiede schwenkten, da ertönte nochmals von unserer braven Schiffskapelle die Hymne des norwegischen Volkes, und ein brausendes Hurrah ging wie ein Sturmwind durch die ganze Länge des Schiffes. Alles rief, winkte und dankte, und alles war gerührt bei den Klängen des liebgewonnenen Landes und im Bewußtsein, daß wir nun — vielleicht für immer — ihm Lebewohl gesagt hatten.
Bald war das Lotsenboot unseren spähenden Blicken entschwunden, und uns empfing der Ocean, die gewaltige, wogende Wasserfläche, die uns vom europäischen Festlande trennte.
Der folgende Tag — der letzte ganze unserer Meerreise — war ein herrlicher Sonntag; ruhig und glatt die See und über ihr die strahlende Sonne an wolkenlosem Himmel. Man genoß die Ruhe in vollen Zügen, bequem auf Deck ausgestreckt, das zum Lesen mitgebrachte Buch unbenutzt auf dem Schoß oder am Boden, denn die Augen hatten anderes zu thun; sie spähten über die endlose Wasserfläche und erhaschten da und dort einen Segler oder einen rauchenden Dampfer am Horizonte; sie suchten rückwärts Norge, das herrliche Land, oder aber — geschlossen — versenkten sie sich vorwärts in den Zauber der Heimat, die wir nun bald wieder begrüßen sollten. Einige Stunden des Tages waren allerdings unruhiger Arbeit gewidmet; alles packte und räumte in den Kabinen und ordnete seine Siebensachen, denn am andern Morgen sollte bei Zeiten in der Elbe die Uebersiedlung mit Hab und Gut auf kleinere Dampfer stattfinden, um nach Hamburg befördert zu werden.