Da stund er ja schon, unser Landsmann, und hielt einen bequemen Zweispänner für uns in Bereitschaft, und vorwärts ging’s quer durch die Stadt und dann durch die ganze Länge der nördlichen Vorstadt Sandviken. Von dort an steigt die schöne Straße in ungeheuren Windungen steil am Felsengebirge in die Höhe und läßt bald die neue Bergensche Irrenanstalt unmittelbar links liegen. Während wir den erhabenen Ausblick auf die zu Füßen liegende Stadt und das Meer genossen, tönte das Schreien Wahnsinniger an unser Ohr, und von oben herab sah man die verschiedenartigsten Formen Geisteskranker in den ummauerten Gärten umherschleichen oder — toben.
Endlich waren wir, entfernt von allem menschlichen Elend, auf der Höhe des Berges; nochmals grüßte der Blick das wunderbare Panorama; dann führte die Straße auf einem öden, steinigen und wenig bewachsenen Hochplateau vorwärts, vorbei an einigen kleinen Bergseen, zu Füßen steil aufsteigender Gebirgsstöcke. Oft unterbrechen Nadelholzgruppen oder glühend rote Ericafelder die monotone Felsenlandschaft; hie und da sprießen auch spärliche Weiden und dann zeigen sich menschliche Wohnstätten in der Nähe; an den meisten Stellen war das niedrige Berggras abgeschnitten und an den früher beschriebenen Holzhecken zum Dörren aufgehängt, was bei dem häufigen Regen nach Aussage unseres Begleiters oft 2-3 Wochen in Anspruch nimmt.
In zwei Stunden sollten wir am Bestimmungsorte sein; aber schon waren fast drei Stunden vorüber und das Ziel noch nicht sichtbar. Das versetzte uns in eine äußerst unbehagliche Stimmung; wir mußten ja spätestens halb 7 Uhr wieder in Bergen sein, um die Abfahrt unseres Schiffes nicht zu verfehlen, und wenn wir uns vergegenwärtigten, daß wir — vielleicht durch irgend ein Mißgeschick mit unserm Vehikel — den Zeitpunkt nicht innehalten könnten, so lief’s uns ganz heiß über den Rücken. Das wäre gleichbedeutend gewesen mit achttägiger Verspätung, ganz abgesehen davon, daß wir ja alles zum Dasein Nötige in unseren Kabinen liegen hatten. Aber endlich senkte sich die Straße, vorbei an einem See, dem Wasserreservoir für die Baumwollfabriken unseres Landsmannes, hinunter zu einem dunkelblauen Fjord, und kurze Zeit darauf führte uns der liebenswürdige Gastfreund in sein behagliches Heim, eine ganz heimelig unter Bäumen gelegene Holzvilla. Erfreut sprangen uns entgegen die Kinder des Hauses, drei fröhliche Jungen, die mit norwegischen Knixen uns begrüßten, und der prächtige, treue Haushund Nero, der vor Vergnügen über die Rückkehr seines Herrn die ausgelassensten Sprünge machte.
In dem geräumigen Wohnzimmer wartete unser eine behaglich gedeckte und blumengeschmückte Tafel; von den Wänden und Ecken grüßten lauter heimatliche Erinnerungen, an dem Ehrenplatze das Pfarrhaus in Güttingen und die einstigen Insassen; auf dem Rauchtische lag neben Pfeife und Aschenbecher die „Thurgauer Zeitung“. So waren wir denn daheim, und nach dem Essen setzte man sich plaudernd zum Kaffee auf die anstoßende Veranda, welche ganz direkt über dem Wasserspiegel des Fjords liegt und zwischen dem Grün der Gartenbäume einen Ausblick voll wohlthuender Ruhe und Stille gewährt.
Kleine Geschenke, welche wir den drei braven Jungen von Verwandten aus der Schweiz zu überbringen hatten, wurden von denselben mit rascher Beugung des Kopfes und freundlichem Mange tak (Vielen Dank) entgegengenommen. Nachher ging’s unter der Führung von Vater und Söhnen (die Mama war leider abwesend) in jeden Winkel von Haus und Garten, in dem uns unter anderm mit Stolz ein früchtetragender Kirschbaum gezeigt wurde.
Yttre-Arne existierte vor 40 Jahren noch gar nicht. Damals kam der Schwiegervater unsers Landsmannes aus Schleswig-Holstein ins Land und fing an, eine vorhandene Wasserkraft durch Erstellung einer kleinen Baumwollspinnerei auszunützen. Und heute ist der Platz eine stattliche Kolonie: verschiedene Fabrikgebäude, zahlreiche Arbeiterhäuser, Villen, Kirche, Schulhaus; das Ganze macht vom Fjord aus den Eindruck einer kleinen Stadt, und alles hat die Energie eines einzigen Mannes aus dem Boden gezaubert. Die Fabrikarbeiter verdienen hier bei 61 Wochenstunden 3 bis 4 Franken per Tag und haben recht nette Wohnungen mit kleinem Grundbesitz.
Zu diesem wohlthuenden Bilde stimmt die einfache und schlichte Lebensführung der Besitzer des Ganzen, zu welchen auch unser Gastfreund gehört. Außer Arbeit und Naturgenüssen ist in Yttre-Arne nichts zu wollen, die freien Stunden und Tage durchstreift der Vater mit seinen Buben Berg und Busch, im Winter auf Skis, skandinavischen Schneeschuhen, oder sie rudern und fischen auf dem Wasser des Fjords.
Rascher als uns lieb war, mußten wir von dem freundlichen Platze Abschied nehmen. Vater, Söhne und Nero begleiteten uns die steile Bergstraße hinauf. Im Weggehen kreuzten wir eine norwegische Hochzeit, die sich in langem Zuge von der Kirche zu einem der Arbeiterhäuser verfügte — voraus einer, der die Handharmonika mit Gefühl spielte; dann Bräutigam und Braut, der erstere trotz des sonnigen Wetters mit gewaltigem Regenschirm bewaffnet, hernach die Gäste — alt und jung bunt durcheinander.
Oben am Berge holten wir unsern vorausgeschickten Wagen ein; nicht ohne gegenseitige Rührung nahmen wir Abschied von dem Stück Thurgau in Skandinavien, und lange noch sah uns der biedere Landsmann nach, als wir mit dem letzten „Mange tak“ dem Ufer eines kleinen Bergsees folgend davonrollten.
Trotz der schönen Rückfahrt — in welche wir ab und zu, die Straßenwindungen abkürzend, kleine Spaziergänge über buntbewachsenes Geröll einschalteten — empfanden wir doch ein Gefühl der Erleichterung, als wir die Häuser Bergens wieder zu unsern Füßen liegen sahen. Es war ein Genuß — angesichts des herrlichen Panoramas, welches den Blick bis ins offene Meer gleiten ließ — thalwärts zu fahren, und fast zu rasch hatte unser Wagen das holperige Pflaster der Stadt erreicht und ließ uns beim Postgebäude aussteigen. Noch blieb uns eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes, gerade genug, um in einigen Kaufläden unsere Geldbeutel um verschiedene Kronen zu erleichtern; überall trafen wir ähnlich Beflissene der „Auguste Viktoria“, denn Bergen war ja der letzte Platz, der die Gelegenheit zur Erwerbung norwegischer Spezialitäten bot, und allerlei, das im Norden um ½ Krone zu teuer erschienen war, wurde hier gierig um den doppelten Preis zusammengekauft.