Ermüdet von Kreuz- und Quergängen durch die interessantesten Stadtquartiere und vom Durchstöbern manches Kaufladens, wobei wir namentlich in Pelzwaren wunderbare Dinge sahen, kehrten wir schon am frühen Abend auf unser Schiff zurück, nachdem wir unser Programm für den folgenden Tag festgesetzt hatten. Einer freundlichen Aufforderung unseres Landsmannes folgend verabredeten wir, uns vormittags 11 Uhr an der Landungsstelle der Dampfbarkassen zu treffen und per Wagen nach Yttre-Arne, seinem Wohnort, zu fahren.

Unterdessen kehrten auch allmählich unsere Mitpassagiere auf der „Auguste Viktoria“, welche von Stahlheim über Vossevangen, d. h. auf dem Landwege Bergen erreicht hatten, an Bord zurück, und abends waren wir wieder vollzählig an der Tafel, unsere lieben Holsteiner und das botanische Ehepaar voll Entzücken über die Reize ihrer Überlandpartie. Die Menschen, die man vor drei Wochen noch scheu und fremd von der Seite angesehen, grüßte man jetzt nach vierundzwanzigstündiger Trennung bereits als alte Bekannte, und man empfand schon hier und noch mehr zwei Tage später bei dem definitiven Abschiede, daß die Erinnerung an das gemeinschaftlich erlebte Schöne und Erhabene ein Band fürs Leben bleiben wird.

Bei der Abendtafel spielte unsere Kapelle u. a. des deutschen Kaisers „Gesang an Aegir“, und gleichzeitig wurden elegant (an Bord) gedruckte Karten verteilt mit dem Wortlaute des Einladungstelegramms von Wilhelm II. und einer eben als Antwort auf eine Dankesadresse eingegangenen in Drontheim aufgegebenen Depesche folgenden Inhalts:

„Es ist mir eine Freude gewesen, den Passagieren die Besichtigung des „Hohenzollern“ gewähren zu können, und bitte denselben meinen Dank für das freundliche Telegramm auszusprechen. Ich wünsche der „Auguste Viktoria“ glückliche Fahrt und Heimkehr.

Wilhelm. I. R.“

Das „schwache Geschlecht“ wurde neuerdings mit einer Gabe der galanten Hapag erfreut; jede Dame erhielt in elegantem Etui mit dem aufgedruckten Bilde von der „Auguste Viktoria“ und ihrem wackern Kapitän eine Kollektion feiner Chokoladebonbons und außerdem die ganze Sammlung der während unserer Fahrt verwendeten, künstlerisch ausgestatteten Menus.

Die späten Abendstunden waren zauberhaft schön; in herrlicher Beleuchtung der sinkenden Sonne kreisten malerische Segler und Boote aller Arten um unser Schiff; aus manchen ertönten, von hellen Stimmen gesungen, nordische Weisen an unser Ohr; von andern schallten fröhliches Lachen und freundliche Grüße herauf, und erst spät in der Nacht mochte man sich von dem schönen Schauspiel trennen.

Am andern Morgen besuchten wir in aller Frühe den Fischmarkt, der höchst interessant ist. Was da für merkwürdige Gebilde des Meeres in den mächtigen Verkaufseimern herumzappeln! Aber die gutmütigsten norwegischen Gesichter haben sich bei diesem Verkaufsgeschäfte eine gewohnheitsgemäße Grausamkeit angeeignet, die auch einem nicht sentimentalen Ungewohnten peinlich auffällt. Was der Käufer oder vielleicht eine sonst zart besaitete junge Bergerin sich an lebender Ware auswählt, das wird — während harmlosen Geplauders — mit einigen Messerhieben bewegungs- und fluchtunfähig gemacht, um wo möglich noch lebend im Korb in die Küche zu kommen. Unter den lebenden Fischen fielen uns besonders ganz intensiv blaugefärbte von forellenähnlichem Bau auf. Manche Fische sind so groß, daß sie kilo- und zehnkiloweise mit breitem Haumesser auf der Fleischbank ausgewogen werden.

Den übrigen Teil des Vormittags verwendete ich dazu, ein Stück menschlichen Elendes zu sehen. Im Südosten der Stadt liegt, mit elektrischem Tram bequem erreichbar, zwischen der Hauptstraße und dem großen Lungegaardssee, durch einen schattigen Garten an den letztern grenzend, das Spital für Aussätzige. Der Aussatz — diese schreckliche, schon Moses bekannte Krankheit — kommt in Norwegen noch relativ häufig vor, ist aber glücklicherweise doch in stetem Abnehmen begriffen. 1870 zählte man daselbst (auf nicht ganz zwei Millionen Einwohner) noch 2526 Lepröse (lepra = Aussatz), 1880: 1795, 1890: 954, und jetzt beträgt die Zahl der Beklagenswerten nur noch 5-600. Strenge sanitätspolizeiliche Maßregeln und vor allem das Heiratsverbot für Aussätzige tragen wohl das Wesentliche zu der Verminderung dieser schrecklichen Krankheit bei. Wo Mittel und Verhältnisse eine Isolierung des Kranken nicht gestatten, muss derselbe in das Lepraspital gebracht und zeitlebens dort versorgt werden, sofern eine vorübergehende Besserung, resp. ein Stillstand des Leidens nicht eine temporäre Entlassung gestattet. Das von mir besuchte Haus ist ein älteres geräumiges Holzgebäude, das allerdings kaum den jetzigen Anforderungen an ein Hospital entspricht. Obschon die Zimmer groß sind, war die Luft oft entsetzlich verpestet und manchen Anforderungen an Reinlichkeit und gesundheitliche Vorkehren nicht Genüge gethan. Die Krankheitsbilder, die man hier sieht, sind zum Teil entsetzliche; ich will die Leser mit Schilderungen verschonen. Aber auch junge, frische, kräftige Leute saßen da, an welchen die ersten Spuren des Verderbens kaum in Form einiger blaßroter Knötchen zu erkennen waren. Vertreten sind unter den zirka 250 Kranken alle Altersstufen, vom 10jährigen Kinde bis zur 84jährigen Greisin, letztere seit 60 Jahren krank und in der Anstalt. Entsetzlich ist folgende Familientragödie: Ein Mann, aus gesunder Familie war kurze Zeit mit einer Frau verheiratet, bei welcher sich Spuren der Lepra zeigten. Sie starb. In zweiter Ehe heiratete er eine ganz gesunde Bauerntochter. Während er selbst gesund blieb, erkrankte seine zweite Frau und sämtliche vier Kinder, die sie ihm gebar, an der schrecklichen Krankheit. Drei davon sah ich beisammen in der Anstalt, zwei bereits mit Knötchenbildung im Auge, was mit mathematischer Sicherheit allmähliche Erblindung bedeutet. — Chef des Lepra-Hauses ist der berühmte Dr. Armauer Hansen, der 1881 den Leprabacillus entdeckte, leider bisher ohne Erfolg für die Bekämpfung der Seuche.

Gerne entfloh ich dem Hause des menschlichen Elends, immerhin die Überzeugung mit mir nehmend, daß dort das Schicksal der Armen so erträglich als möglich gestaltet ist. Sie schienen sogar zum größern Teil ganz sorglos und getrost zu sein; aber die Erinnerung an einige besonders Elende mit leeren Augenhöhlen, zum Teil abgefallenen Fingern und Zehen und geschwärig verengter Stimmritze, so daß sie nur durch von außen in die Luftröhre geschnittene Kanüle atmen können, geht mir doch heute noch nach.

Neben dem Lepraspital liegt ein großer Friedhof; dort harrten meiner neben dem Grabe Ole Bulls meine Gefährtinnen, und — unter dem Eindrucke meiner Erzählungen etwas weniger froh, als wir gekommen, — kehrten wir nochmals auf unser Schiff zurück, um uns für den freundlicheren Teil des Tages, die Fahrt nach Yttre-Arne, bereit zu machen.