Nicht nur als hervorragender Handels- und Hafenplatz läßt sich Bergen mit Hamburg vergleichen, sondern auch im Städtebild liegt — die Dimensionen natürlich außer Betracht gelassen — eine gewisse Aehnlichkeit, indem, gleich wie in Hamburg das große und das kleine Alsterbassin, hier zwei Wasserbecken, von Gärten und Neubauten bekränzt, zum Weichbild der norwegischen Stadt gehören. Dagegen hat Bergen — im Gegensatz zu Hamburg — fast gar keine Juden; denn bis vor kurzer Zeit konnten israelitische Kaufleute in Norwegen nicht niederlassungsberechtigt werden, und erst der geistreiche politische Poet und Satyriker und radikale Umstürzler Wergeland hat dem Volk Israel die nordischen Thore geöffnet.
Das interessanteste Stück von Bergen sind der Fischmarkt und die Tydskebryggen (deutsche Brücke) an der Vorderseite des Vaagen-Hafens, letztere ein Quai mit einer langen Reihe jener altdeutschen Giebelhäuser, wie sie von den Hansastädten her bekannt sind, die einstigen Wohn- und Geschäftsräume der hanseatischen Kaufleute aus Lübeck, Bremen und Hamburg. Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts haben nämlich die Hanseaten den ganzen Bergischen Handel an sich gerissen; dies war gleichbedeutend mit kommerzieller Beschlagnahme vom ganzen Norden Norwegens, denn ein Privileg zwang das gesamte Nordland, den Ertrag der Fischerei nur nach Bergen zu bringen. Der Fischhandel war von jeher und ist auch heute noch die Grundlage des Reichtums von Bergen, und die Gründung des „hanseatischen Kontors“ bedeutete einen mächtigen Aufschwung für den Handel der Stadt, der sich auch nach der Aufhebung dieses Monopols auf gleicher Höhe erhalten hat. In das Leben und Treiben der hanseatischen Zeit gewährt ein Besuch des sogenannten hanseatischen Museums einen höchst interessanten und lebendigen, aber keineswegs wohlthuenden Einblick. Das eine der alten Häuser an der Tydskebryggen ist nämlich noch vollständig im ursprünglichen Zustande erhalten. Im Erdgeschoß befinden sich weite Räume, Magazine, in welchen die Warenvorräte lagerten. Im ersten Stock betritt man durch einen Vorsaal mit alter, origineller Zugglocke die Hauptstube, das Kontor des Vertreters der Firma; dort wurde gehandelt; nach welchen Grundsätzen, ist ersichtlich aus zwei vorgewiesenen mächtigen Gewichtssteinen, ganz gleich in der Größe, aber durch angeschmolzenes Blei sehr ungleich im Gewichte; der leichtere fand beim Verkaufe, der schwerere beim Einkaufe Verwendung.
Bergen.
Alle Möbel und Gebrauchsgegenstände sind die originalen, in vergangenen Jahrhunderten gebrauchten. So auch im Speisezimmer, wo vor allem riesige Zinnhumpen, mehrere Liter haltend, auffallen. Diese Herren Hanseaten, respektive die hier wohnenden Vertreter, meist jüngere Leute, die nicht verheiratet sein durften, müssen fürchterlich gekneipt haben; der herumführende norwegische Wächter schloß wenigstens fast jeden Abschnitt seiner in sehr holperigem Deutsch gegebenen Erklärung mit dem Nachsatze: „denn sie waren immer besoffen.“ Jedenfalls wurde in diesen Handelshäfen, namentlich im Winter, wo jede Arbeit ruhte, ein zügelloses Lasterleben geführt; viele Vergehen gegen Recht und Sitte konnten einfach mit Geld gesühnt werden, und wenn die aufgestellten eisernen Strafenbüchsen voll waren, so wurde der Inhalt gemeinschaftlich in Bier und Wein und Schnaps umgesetzt.
Sehr wenig einladend sind die Schlafstellen dieser Kaufleute; man öffnet eine Kastenthüre, und in dem Kasten liegt ein schmales Bett, in welchem sich ein erwachsener Mensch kaum rühren kann; ist die Thüre geschlossen, so liegt man wie in einem Sarge. Ein kleiner geheimer Schieber im Bettkasten des Chefs ermöglichte demselben von der Schlafstätte aus die Kontrolle seiner Gesellen im nebenanliegenden Kontor. Hier traute keiner dem andern. Eine geheime Treppe, die vom Speisezimmer nach oben und auf Umwegen ins Freie führte, wird auch kaum ehrlichen und anständigen Zwecken gedient haben. Im zweiten Stock der Häuser lagen dann die Kläven (Konklave), d. h. die Schlafkasten der Gesellen und Diener. Licht oder Feuer durfte im Hauptgebäude während des ganzen langen Winters nie angezündet werden; „denn sie waren immer besoffen“ motivierte der Führer. Deshalb befand sich dann weiter zurück im Hofe, in der Nähe des zugehörigen Gemüsegartens, die sogenannte Schüttstube, ein gemeinschaftliches Versammlungshaus für sämtliche Bewohner eines Geschäftes; noch weiter zurück, aber unmittelbar anstoßend, lagen Quartiere für liederliches Gesindel. So war jeder der vielen dicht neben einander liegenden Verkaufshöfe beschaffen, und feste Palissaden, durch gefürchtete Bulldoggen verstärkt, hielten Unberufene von diesem Nachtleben der hanseatischen Kontoristen fern. Das Ganze bildete für sich einen Staat im Staate, der zirka 3000 Seelen zählte. Dem papierenen Gesetz nach mußten alle männlichen Geschlechtes sein und auch weibliche Bedienung war verboten.
Die Bürgerschaft von Bergen hatte manchen schlimmen Akt der Willkür von der deutschen Hansa zu ertragen; aber von Mitte des sechzehnten Jahrhunderts an wurde ihre Macht im Norden gebrochen und 1763 ging die letzte „Stube“ durch Kauf an einen Norweger über.
Ebenfalls in ursprünglicher Form erhalten sind die zu jedem Hanseatenhaus gehörigen hölzernen Landungsbrücken, jede mit einem primitiven mächtigen Vippebom (Wippenbaum) — eine Art hölzernen Krahnens — versehen, zum Ausladen der Fische, welche von den nordländischen Schiffen hiehergebracht werden. Da sahen wir denn ein außerordentlich interessantes Treiben, überall geschäftige Fischer und Händler und eine Menge von fremden und ungewohnten Produkten, alle dem Meere entstammend. Zu Millionen wird hier der getrocknete Stockfisch ausgeladen, in den über der Quaistraße liegenden Magazinen sortiert und in Büscheln zusammengebunden, die genau wie dürres Holz aussehen. Die gewöhnliche Jahreszufuhr beträgt 25 bis 30 Millionen Stück; dieses Jahr war die Ausbeute viel geringer, weshalb der Preis per größern Fisch sich auf 50 Oere = zirka 70 Rappen stellt gegenüber 25 Oere vom letzten Jahre.
An anderer Stelle waren Männer beschäftigt, die zirka handtellergroßen Eierstöcke vom Dorsch in große Fässer zu verpacken und einzusalzen; dieselben wandern alle nach der französischen Küste, wo sie zum Sardinenfang benützt werden. Ins seichte Küstenmeer geworfen, locken sie die kostbaren Fische in Scharen herbei.
Auch alle Produkte der Thranindustrie waren hier zu sehen, z. B. Thran in allen Reinigungsphasen. Der sorgfältigst mit Dampf gereinigte Medizinalthran wurde vom Verkäufer auf 50 Kronen, zirka 70 Franken, per Faß (116 Liter inklusive Doppelfaß) gewertet. Alle derartigen Auskünfte besorgte uns bereitwilligst unser zuvorkommende Landsmann, der den ganzen Nachmittag als trefflicher Dolmetsch unermüdlich funktionierte und bei den Eingeborenen offenbar als waschechter Norweger galt; ihre Landessprache ist ihm natürlich vollkommen geläufig, während das liebe „Schwyzerdütsch“, so sehr er sich freute, es sprechen zu können, ihm ab und zu kleine Verlegenheiten brachte — begreiflicherweise; denn er ist, wie er uns sagte, der einzige niedergelassene Schweizer in Bergen, ja in ganz Norwegen, findet also nie Anlaß, sich in seiner Muttersprache auszudrücken, und wenn er seinen Buben vom alten Heimatlande und vom Tell und Winkelried erzählt, so thut er’s auf gut norwegisch.