Sturmgeborgen ruht

In der Bucht die See.“

In aller Morgenfrühe des 21. Juli waren wir wieder auf Deck, um die Einfahrt nach Bergen zu sehen. Durch ein wahres Chaos von Inseln, die meisten als kahle, aber unendlich vielgestaltige Felsen sich über die Meeresfläche erhebend, sucht das Schiff seinen Weg gegen das Festland. Die Küste ist anfänglich fast ohne alle Vegetation; auf den niedrigen, durch die Gletscher der Eiszeit abgeschliffenen Vorbergen sieht man nur hie und da ein weithin leuchtendes Fischer- und Schifferzeichen. Bei weiterm Vordringen werden die Berge höher, zum Teil bewaldet, die Küsten zeigen Ansiedlungen; auf der Höhe sind die Festungswerke sichtbar und allerlei ungewohnte Bauten: mächtige, nach Art der Gasometer erstellte Petroleumreservoirs, Fabrikkamine, elektrische Starkstromanlagen lassen die Nähe einer größern Stadt vermuten. Plötzlich, da wir um eine Ecke biegen, liegt sie vor uns, hüllt sich aber, um ihren alten Ruf als Regennest zu wahren, sofort in ein Wasserfäden- und Nebelgewand. Schon glaubten wir, zum erstenmal auf unserer Reise vom Regenschirm Gebrauch machen zu müssen, als das Wetter plötzlich änderte und eine herrliche, lichte Sonne auf die regenglänzende Stadt herabzuscheinen begann; sie ist uns während des ganzen Aufenthaltes in Bergen treu geblieben, und das sei — so hieß es — das größte Wunder der ganzen Nordlandfahrt; denn „in Bergen regnet’s so beharrlich, daß dort die Kinder mit dem Regenschirm zur Welt kommen“, sagt der nordische Volksmund.

Das „norwegische Hamburg“ grüßte die „Auguste Viktoria“ beim Einfahren mit weithin dröhnenden Kanonenschüssen aus der Bergenhusfestung, die in sechs- bis siebenfachem Echo widerhallten. Unser Schiff kreuzte einige Zeit vor dem Hafeneingang, um den Anblick des wirklich schönen Städtebildes recht ausgiebig zu gewähren, und lenkte dann vorüber an der grünen Halbinsel Nordnaes mit prächtigen, terrassenförmig ansteigenden Gärten in den Buddefjord, wo der Anker ausgeworfen wurde. Sofort begann das Ausbooten; da wir aber bis zum folgenden Abend in Bergen liegen sollten, blieben wir Drei ruhig noch einige Stunden an Bord, wo uns in den menschenleeren Räumen keine plaudernde Gesellschaft am Lesen und Schreiben störte. Von Zeit zu Zeit stürmten wir dann wieder aufs Verdeck, um den interessanten Leben und Treiben im Hafen zuzusehen und unser Auge an dem malerischen Landschaftsbilde zu sättigen.

Bergen ist eine der ältesten, aber auch der schönsten Städte Norwegens. Ihre Einwohnerzahl beträgt 70,000. Trotz der nördlichen Lage — es liegt etwas nördlicher als die Südspitze von Grönland und Petersburg — findet man hier fast alle Laubbäume Deutschlands und einen herrlichen Blumenflor. Dadurch, daß die reiche Kultur des Stadtbezirkes unmittelbar an die Gebirgswüsten grenzt, entsteht eine sofort in die Augen fallende Kontrastwirkung, welche einen das Landschaftsbild nicht so bald vergessen läßt. Die Häuser Bergens liegen um den Haupthafen, die sog. Vaagen, herum, einerseits die langgestreckte Landzunge Nordnaes bedeckend, auf der andern Seite über die Felshöhen unter dem steilen Flöifjeld ansteigend.

Ich wußte, daß der Sprößling eines thurgauischen Pfarrhauses und Bruder eines meiner Studienkameraden seit langen Jahren in der Nähe von Bergen lebte, und hatte ihm deshalb lange zuvor die Ankunft von engeren Landsleuten auf der „Auguste Viktoria“ mitgeteilt und ihn gebeten, uns einige Stunden zu widmen. Persönlich kannte ich den thurgauischen Norweger nicht; ich hatte ihn in meinem Leben nie gesehen; aber als ich so gegen 11 Uhr wieder einmal auf Deck trat, um die Augen voll nordischer Welt zu schöpfen, da sah ich über die Brüstung unseres Schiffes gelehnt das Ebenbild eines gemütvollen Geistlichen, mit welchem ich s. Z. zwei Jahre im Kantonsspital in Münsterlingen zusammen geatmet hatte und der mir in freundlichem und lebhaftem Andenken geblieben ist. Ich klopfte ihm ohne weiteres auf die biedere Thurgauerschulter und wir begrüßten uns wie alte Bekannte, die sofort in gemeinschaftliche Erinnerungen sich zu versenken begannen. Ein Glas Münchner frisch vom Faß — dem norwegisch Gewöhnten ein ganz besonderer und seltener Genuß — wurde auf unser erstes Zusammentreffen genossen; nachher saßen wir vergnügt an der Schiffstafel und plauderten von der Heimat, daß die Stunden nur so dahinflogen und wir später als alle anderen Schiffspassagiere uns endlich aufmachten, um ans Land zu fahren und Bergen aus der Nähe kennen zu lernen. Dabei wurde denn nun allerdings unser freundlicher Führer mit Fragen bombardiert und ausgequetscht wie eine Zitrone; er hat uns zahllose interessante Auskünfte über Land und Leute in Norwegen gegeben und meine vorläufig gefaßte Meinung bestätigt, daß die Bewohner dieses nordischen harten Gebirgslandes mit uns Schweizern in vielen Beziehungen die größte Aehnlichkeit haben, u. a. auch hinsichtlich ihres nationalen Unabhängigkeitsgefühls.

Bekanntlich wurde im Jahre 1814 durch Beschluß der in Christiania versammelten Reichsvertretung die bisherige Union Norwegens mit Dänemark gelöst und der schwedische König, nachdem er das norwegische Grundgesetz beschworen, zum König von Norwegen gewählt. Seit Jahrzehnten aber geht eine immer stärker werdende politische Strömung durch das Land, welche die völlige Lösung der Union zum Ziele hat. Als äußerliches Zeichen dieser erstrebten Unabhängigkeit verlangen die Norweger die Entfernung des Unionszeichens aus ihrer Landesflagge, die sogenannte „reine Flagge“. Dreimal hat die Volksvertretung, der Storthing, dieselbe beschlossen; zum drittenmal hat der König, von seinem Rechte Gebrauch machend, sein Veto dagegen eingelegt; nachdem auch nach dem dritten Veto der neugewählte Storthing auf den Beschlüssen des frühern beharrt, hat der König nichts mehr zu verbieten, und vom Herbst 1899 an wird es nicht nur wie bis jetzt geduldet, sondern gesetzlich geboten sein, das in der obern äußeren Ecke sitzende Unionszeichen auszumerzen und die reine Flagge zu führen. Im Norden sahen wir lauter reine Flaggen ausgehängt; in Bergen aber war ab und zu noch die Unionsflagge zu sehen.

Norwegen hat den Ruf, im Kampfe gegen den Alkoholismus gesetzgeberisch am meisten gethan und auch am meisten erreicht zu haben. Das Alkoholmonopol, das im ganzen Lande herrscht, ist nicht staatlich, sondern kommunal. Jede Gemeinde hat sich das Recht des Verkaufs geistiger Getränke gewahrt, und da die Zahl der konzessionierten Verkaufsstellen eine geringe ist, stolpert man nicht wie bei uns jedes zweite Haus über eine Kneipe. Betrunkene haben wir sehr wenige gesehen; doch sagte unser Führer, daß die Trunksucht immer noch als nationales Uebel gelte, wenn auch anderseits die Abstinenzbewegung größere Fortschritte aufweise als in jedem andern Lande. Der beträchtliche Gewinn, welcher den Gemeindekassen aus dem Alkoholverkauf erwächst, darf nur zu wohlthätigen Zwecken verwendet werden.

Unser Streifzug durch die Straßen Bergens führte uns zu manch’ Interessantem. Ein auffälliger, mit Säulen gezierter — im übrigen schlichter — Holzbau ist das Nationaltheater, das der berühmte Geiger Ole Bull (ich hörte ihn 1878 als siebenzigjährigen Greis in Wien noch konzertieren) in den Vierziger Jahren aus eigenen Mitteln erstellen ließ, in der Absicht, seinem geliebten norwegischen Volke den Sinn für dramatische Kunst zu wecken. Schön modelliert ist das auf großem freiem Platze erstellte Standbild Christiés, des Befreiers der Norweger von Dänemark und Präsidenten des ersten Storthings (1814).