XV.

An der Stätte der Frithjofssage. — Ankunft in Bergen. — Das norwegische Hamburg. — Im Leprahospital. — Fahrt nach Yttre-Arne. — Heimat in fremdem Lande. — Mange tak.

Es konnte nach Mitternacht werden, bis wir die klassischen Stätten der Frithjofssage berührten; aber diesmal wollten wir sie uns nicht entgehen lassen. In Esaias Tegners herrliche Dichtung versunken saßen wir an einsamer Stelle unseres Schiffes. Die Sonne war nach 10 Uhr untergegangen und eine laue, helle Nacht lagerte über der Fjordlandschaft. Zum erstenmal nach 14 Tagen grüßte uns wieder ein alter lieber Freund, der silberne Mond, dessen bisher aschgrauer Umriß im Glanze der Mitternachtssonne vollständig außer Beobachtung gefallen war. In erwartungsvoller Stille glitt unser Schiff auf der dunkelglänzenden Flut vorwärts, und eine fast andächtige Gemeinde saß auf Deck versammelt, die Augen vorwärts gerichtet. Da taucht am südlichen Ufer eine tiefgrüne, weit in den Fjord vorgeschobene Landzunge auf, die etwas zurückliegend auf der Höhe ein freundliches weißes Kirchlein zeigt. Hier ist Vangnaes, das klassische Framnaes, und hieher verlegt die Sage den Wohnsitz des Wikingssprossen Frithjof. Von gegenüber grüßte vielfacher Lichterschein; einige große Hotels und reizend im Grünen liegende Villen kündeten den herrlichen Balestrand, wo einst Ingeborg in ihres Vaters Königspalast wohnte. Und nun folgte ein Intermezzo, das der sinnige Kapitän für uns ausgedacht und das allen Teilnehmern in freundlicher, ja erhebender Erinnerung bleiben wird. Das Schiff hielt an mitten im Fjord angesichts der beiden klassischen Stätten, deren auch in der Dämmerung auffallend lebendiges Grün ein herrliches Schneegebirgspanorama als Hintergrund hatte. Sechs Böllerschüsse erschütterten die Luft und fanden ein mächtiges Echo, das über die Flut zu rollen schien. Dann stiegen Raketen auf, die Strandbewohner zu grüßen, und während unsere Kapelle die ergreifende norwegische Nationalhymne spielte, zündeten bengalische Feuergarben vom Bootsdeck unseres Schiffes herab weit ins Meer und Land hinein und erzeugten einen wunderbaren Farbeneffekt in dem nachtträumerischen Naturgemälde.

In Balestrand wurde es alsbald lebendig; dutzende von Booten kamen hergefahren und jubelten uns zu, in richtigem Verständnis dessen, was wir hier hatten feiern wollen. Das war eine erhabene und von allem Gewöhnlichen und Alltäglichen unberührte Seelenstimmung, da wir um Mitternacht im Sognefjord die Bautasteine von Bele und Thorsten und die Schatten Frithjofs und Ingeborgs grüßten, und ich erwachte wie aus schönem Traume, als unser Dampfer plötzlich wieder vorwärtszurauschen begann. Lange noch tönten — immer schwächer werdend — die Abschiedsrufe der Balestrander an unser Ohr.

Zwischen 3 und 4 Uhr erreichten wir das offene Meer, wobei wir die vor der Mündung des Fjords liegende gebirgige Inselgruppe Sulenör — die Solundar-Oe der Frithjofssage — rechts liegen ließen.

„Fern hebt aus der Flut

Sich Solundar-Oe;