Stahlheim.
All’ unser Stürmen und Drängen und Schreien nach Brot und Trank nützte nichts; die Hotelleitung und Bedienung war in größter Verlegenheit, und schließlich sah sie sich genötigt, die Thüre zum Speisesaal einfach abzuschließen. Draußen tobte und polterte die „hungrige Bestie“; von drinnen her ertönte Eß- und Trinkgeräusch „der sich Sättigenden“, und so oft ein Pfropfen knallte, ging uns draußen ein Stich durchs Herz. Übrigens war die Verlegenheit eine beidseitige. Manch’ Einer kam im Sturmschritt von der Tafel zur Thüre gerannt, um eine dringliche Exkursion zu unternehmen, und wir Ausgeschlossenen amüsierten uns über die hastige Wut, mit welcher er erfolglos das Thor zu öffnen suchte, und bombardierten ihn durchs Schlüsselloch mit kleinen Aufmunterungen. Nach dreiviertelstündigem, mit Galgenhumor ausgefülltem Warten hieß es, daß bis in frühestens einer halben Stunde zum zweitenmal gedeckt würde. Das konnten wir nicht erleben; wir mußten ja rechtzeitig wieder in Gudwangen sein; also frisch hinein ins Unvermeidliche! Mit leerem Magen traten wir den Rückweg an; doch nein, unten im Hotel gelang es uns ja, eine halbe Flasche Sodawasser zu erstehen und in einer Art Verkaufslokal über den Pferdestallungen entdeckten wir neben Thongeschirr, Leder- und Eisenwaren in schmierigem Sacke etwas Eßbares, eine Art süßen Kleinbrots, das wir gierig verschlungen, während wir die Serpentine der Stahlheimklev hinuntereilten. Der Ausblick auf das zu Füßen liegende, dunkle Naerödal mit den beidseitig gewaltig aufsteigenden Bergen ist ein so großartiger, daß wir Hunger und Durst darüber vergaßen und meinten, hier sei wohl das Erhabenste, was wir in Norwegen gesehen. Aber die armen Beine! Bis jetzt hatte sie noch die sichere Hoffnung gestärkt, unten am Berg eine Rückfahrtgelegenheit nach Gudwangen zu finden — Täuschungen und Trugbilder! Das letzte Pferd war mit Beschlag belegt. Da gab’s kein Besinnen. Tapfer und unverdrossen — ja sogar in bester Laune — fußten wir die drei Stunden zu Thal; als Lohn der That winkte uns ja im Haupthotel daselbst kühles Oell (Bier) und ein tüchtiges Abendessen. Doch auch das erwies sich als fata morgana!
Als wir endlich — endlich Gudwangen und den blauen Fjord unmittelbar vor uns liegen sahen, da verdoppelten sich unsere Schritte und im Tempo des Gauls, der sich seiner Stallung und seinem Futtertroge nähert, langten wir beim Vikingwanghotel an. Kaum vermochte die lechzende Zunge das „Oell, Oell“ (Bier, Bier) noch herauszuschleudern; aber es gab kein Oell und auch nichts Vernünftiges zu essen; die bösen Engländer hatten, wie die Heuschrecken, mit allem aufgeräumt. Eine mitleidige Seele verkündete uns, daß eine Strecke weiter zurück im kleinen Gasthof bei Hansen Bier und allerlei zu haben sei. Also ohne Besinnen zurück zu Vater Hansen! Im kleinen, behaglichen Speisesaal, dessen leere Tafel noch die Überbleibsel der vorhergehenden Mahlzeit aufwies, däuchten wir uns bei Oell, Smoerrebroed (Butterbrot) und Ost (Käse) wie Könige, und die gestärkten Seelen gerieten sehr bald in jene fröhliche Stimmung, wie sie nach überwundenen Schwierigkeiten gerne sich einstellt. Bald kamen auch andere Naerödaler angelaufen, alle, wie wir, hungrig und durstig und nach Speis und Trank rufend; aber es gelang nur mit Mühe und oft auf komischen Umwegen, sich den zwei dienstbaren Geistern, ehrsamen Töchtern des Hauses, doch fürchterlich schwer von Begriffen, verständlich zu machen, und die Sprachverwirrung schuf die unglaublichsten Szenen. Daß die korpulente Frau Baronin X. Käse präsentiert erhielt, als sie zu wiederholten Malen Ansichtspostkarten verlangt hatte, brachte sie zwar ganz aus dem Häuschen, war aber begreiflich, denn ihre norwegischen Worte tönten ganz arabisch und aus den begleitenden Gesten konnte man ebensogut auf Limburgerkäse wie auf ein postalisches Kunstprodukt schließen.
Das Norwegische muß eben in seinen Feinheiten verstanden und gekannt sein, wie ich gleich an einem Beispiel zeigen werde. Als nämlich — durch das offene Fenster hereingewunken — unsere Reisefreunde, Herr und Frau Dr. T. aus Rom, sich zu uns gesellten, mit viel Geschick beim Biertrinken mithalfen und über Hunger klagten, da suchte und fand ich unter den Ueberresten der Tafel einen offenbar eßbaren, nach Käse aussehenden gelblichen Kuchen, den ich sofort an unsern kleinen Tisch herüberholte. Mit gespannter Erwartung kosteten wir den Fremdkörper, um ihn sofort wieder unter den Zeichen des größten Abscheues — das gemütliche Gesicht von Frau Dr. T. war geradezu in Angst und Entsetzen verzogen — auf dem kürzesten Wege und mit entsprechenden Begleittönen durch das Fenster herauszubefördern — das Gericht schmeckte abscheulich, bittersauersüß und weckte bei Katzenfreundinnen lebhafte Reminiscenzen an ihre Lieblinge. Nun galt es aber, Ursprung und Namen des schrecklichen Nahrungsmittels zu erfahren. Also: Norwegerinnen her! Sie kamen, die zwei Heben; indes war keine Möglichkeit, ihnen unsere Absicht irgendwie begreiflich zu machen; sie leisteten sehr bereitwillig und freundlich die unglaublichsten und verkehrtesten Dinge auf alle gestellten Fragen, ohne unser wahres Begehr zu ahnen, so daß schließlich unsere an die beweglichen und geistig regsamen Italiener gewohnte schweizerische Römerin die Geduld verlor und ihnen eine ganze Stufenleiter von der „Appele“ bis zur „Schneegans“ an den Kopf warf, mit halb wohlwollendem, halb ärgerlichem Lachen. Nun mußte der Vater Hansen her, um aus der Verlegenheit zu helfen; der alte, graue, gemütliche Kerl trat vor, und unter Anspannung der ganzen im Saale vorhandenen Intelligenz wurde ermittelt, daß das Gericht Museost heißt und ein Käse ist. Aber was für Käse? Der ernste Familienvater, Dr. T. aus Rom, setzte seine Arme als Geweih auf seinen Kopf und springt nach Art der Rentiere im Zimmer herum. Hansen winkt ab. Also kein Rentierkäs. Die stolze Römerin, Frau Dr. T., versieht sich ebenfalls mit Hörnern und ahmt den Gesang einer Kuh erschütternd ähnlich nach. Das scheint nun eher zu stimmen; doch deutet Vater Hansen mit seiner tief gehaltenen Hand, daß es sich um ein kleineres gehörntes Tier handelt. Eine meiner Begleiterinnen fängt an zu meckern wie eine Ziege, worauf ein verklärtes Lächeln über das bärtige Gesicht des alten Hansen gleitet; mitmeckernd und kopfnickend bestätigt er die Vermutung.
So hatten wir denn mit allseitiger geistiger und körperlicher Anstrengung und unter Aufwand all’ unserer norwegischen Sprachkenntnisse, vor allem aber unter fröhlichem und anhaltendem Lachen herausgebracht, daß das entsetzenerregende Gebilde „Geißkäs“ sei.
Schließlich wurden wir noch recht familiär mit dem alten Wirte und ließen uns das ganze Haus und seine Angehörigen von ihm zeigen; Mutter Hansen saß — eine gichtbrüchige Matrone — im Sorgenstuhl; aber ihre Augen leuchteten so freundlich und in dem Stübchen war alles so voll Blumen, daß ein Gedanke an Krankheit und Schmerz hier gar nicht aufkommen konnte.
Der Museost hat uns sofort noch ein weiteres kleines Vergnügen bereitet. Wir waren schon am Strande, neben übermütig spielenden Schafen ins Grün gelagert, um den uns abholenden Kommandören zu erwarten, als noch Einer der Unsrigen staubschwer, schweißtriefend und erquickungsbedürftig dort anlangte. Sein Verlangen nach Speis und Trank steigerten wir aufs höchste durch die Schilderung des kühlen Biers bei Vater Hansen und vor allem „des ganz deliciösen norwegischen Nationalgerichts“, des Museost. Es war grausam, den müden Wanderer so hungern zu lassen, und so machten Dr. T’s. und ich uns nochmals auf die Strümpfe als Wegweiser und Zeugen für den zu vollziehenden Eßakt. Das arme hungrige Opfer unserer Grausamkeit führte sich sofort ein tüchtiges Stück des köstlichen „Nationalgerichtes“ zum Munde und war in Erinnerung an das uneingeschränkte Lob, das wir ihm gezollt, zu höflich, um sofort seine wahre Empfindung zu zeigen und das Gegenteil zu behaupten; er kaute also mit Todesverachtung, während Dr. T’s. Gesicht im Kampf mit dem Lachen wetterleuchtende Grimassen schnitt, als ob ihn das Zahnweh plagte, und seine Gattin unsagbar gleichgültig im Zimmer umherschaute. Aber plötzlich ging’s nicht mehr; man platzte los mit Lachen, und in der nämlichen Sekunde war unser Museostkoster, die Situation begreifend, vom Stuhle auf und zum Fenster geflogen, und uns blieb nachher die Pflicht, einige Flaschen kühlen Oells als geschmackverbesserndes Heilmittel und zur Sühne für unsere Bosheit zu stiften.
Um halb 8 Uhr waren wieder alle, welche den Seeweg nach Bergen der Ueberlandtour vorzogen, an Bord des Kommandören, der uns durch die wilde Pracht des Naerofjords nach unserer schwimmenden Heimat, der „Auguste Viktoria“, zurückführte. Ein besonders nettes Bild boten bei der Wegfahrt von Gudwangen einige Pferde, welche ohne Führung sich auf dem malerischen Küstenpfade nach Bakke ihren Heimweg suchten, ab und zu ein Maul voll grasend, hie und da auch einen erstaunten Blick auf den vorbeirauschenden Dampfer werfend.
Erst um halb 10 Uhr waren wir wieder in unsern gewohnten Schiffsräumen; dort wurde uns — als Lohn des mühevollen Tages — trotz der späten Stunde noch ein vorzügliches Essen serviert, und während wir uns sättigten, steuerte unser schwimmendes Hotel sicher zwischen drohenden Felswänden dem Ausgange des Sognefjords zu.