Noch waren wir 10 Kilometer vom Ziele des heutigen Tages, von Gudwangen, entfernt; aber weiter durfte und konnte unser großer Oceandampfer nicht mehr in dem schmalen, vielfach gewundenen Meeresarme. Ein kleineres, aber schmuckes norwegisches Dampfboot, der „Kommandören“, war für den heutigen Tag von der Hapag gechartert; bald lag er an unserer Seite und auf breiter Verbindungsbrücke ergoß sich der Passagierstrom in wenigen Minuten herüber. Wir hatten einen prachtvollen Platz auf dem aussichtsreichen hohen Verdeck erobert und konnten nun die herrliche Fahrt vollauf genießen. Als das Schiff sich in Bewegung setzte, erschien eben die Sonne über den Bergen und spiegelte sich in der leicht gekräuselten Flut. Der Fjord verengte sich gegen Gudwangen zu flußartig; die Entfernung der Ufer beträgt kaum mehr 200 Meter und wenig fehlt, so berührt sich in der Luft der Staub der auf beiden Seiten herabstürzenden Schleierfälle.

Rechts liegt eine reizende kleine Kirche, umgeben von Bauernhöfen, das Örtchen Bakke. Dahinter ein mächtig rauschender Wasserfall. Dort biegen wir nochmals um die Ecke; dann erscheint vor den Augen Gudwangen, ein paar Häuser und einige Hotels, von gewaltig aufragenden Bergen eingeschlossen; man begreift, daß sie im Winter monatelang die Sonne nicht zu sehen bekommen. Im Hafen lag bereits ein englischer Touristendampfer vor Anker, eine schlechte Vorbedeutung für den heutigen Tag; wir mußten erwarten, alles „abgeweidet“ zu finden, wo wir hinkamen, und das stimmte denn auch so ziemlich.

Reiseziel war für alle das herrlich gelegene Stahlheim; von dort sollte ein Teil der Passagiere auf dem Landweg über Vossewangen nach Bergen fahren, während ein anderer Teil, abends per „Kommandören“ wieder auf die „Auguste Viktoria“ zurückgebracht, zur See die genannte Stadt erreichen wollte.

Vom Landungsplatze längs der durch die kleine Ortschaft führenden Straße waren wohl an die hundert norwegische Karren und Kutschen aufgestellt, und man fragte sich, wo und wie dieses Heer von Wagen und Pferden eigentlich hergekommen sei. Die Reisefirma Beyer hatte offenbar alle Bauern von nah und fern mit ihrem Fuhrwerk für den heutigen Tag aufgeboten. Im Sturme wurde die Wagenburg genommen; glücklich diejenigen, welche sich einen Sitz zu erobern wußten; manch’ Einer, den das Schicksal zu einem Kariol verurteilte, wird sich nach mehrstündiger Fahrt auf der holprigen Bergstraße schmerzlich daran erinnert haben, daß sogar die Sitzgegend mit Empfindungsnerven bedacht ist. Für uns, die wir nicht unter Beyers Obhut, sondern als Wilde reisten, kam diesmal nur Schusters Rappen in Frage. Wir marschierten tapfer vorwärts, trotz der zu überwindenden 3½ Wegstunden; oft sauste dann die lange Wagenreihe an uns vorbei, gar nicht von uns beneidet, die wir den oft komischen Anstrengungen zur Erhaltung des Gleichgewichts und zur Entlastung des Sitzes auf staubiger Straße von grünen Wiesenpfaden aus zusehen konnten. Wo aber der Weg anstieg, da gewannen wir immer wieder einen Vorsprung, und schließlich waren wir nicht einmal die Letzten am Ziele.

Wenig außerhalb Gudwangen war ein norwegischer Polizeiposten vor einem Schlagbaum aufgestellt, der jedes Fuhrwerk mit Bespannung genau musterte und nur passieren ließ, wenn die Beschaffenheit alle Garantie für ungefährdete Beförderung der Reisenden bot. Brüchiges Leder, geflickte Riemen und beschädigte Achsen wurden abgeschätzt. Diese Fürsorge der heiligen Hermandad hat uns sehr wohlthätig berührt.

Unser Weg führte in das malerische Naerödal, welches als Fortsetzung des Fjords sich landeinwärts zieht und dessen wilden Charakter beibehält. Nach starker halbstündiger Steigung schritten wir durch ein mächtiges „Ur“, ein durch Absturz gebildetes Felsenmeer; dann gings durch eine wunderbare und großartige Thallandschaft meist an der Seite eines schäumenden Bergstromes und diesen mehrfach überbrückend. Die Szenerie beherrscht der aus weißlich-grauem Labradorstein mächtig aufgetürmte stumpfe Felskegel des Jordalsunt (1100 Meter).

Endlich — nach 2½ Stunden — zeigte sich dem entzückten Auge das hochgelegene Stahlheimhotel; die „Klev“, der grüne Bergrücken, auf dessen Höhe es erbaut ist, schließt das Thal wie eine Riesenmauer vollständig ab, und in mächtigen, weithin sichtbaren Serpentinen steigt die Straße daran empor. Zwei Staubfälle stürzen rechts und links — das Hotel zwischen sich lassend — durch den grünen lichten Wald zu Thal und vereinigen sich unten zum ruhigen, aber immer noch ungestüm weiter fließenden Bergstrome.

Einen prachtvollen Anblick gewährten frische Abbruchstellen an den dunkeln, senkrecht aufsteigenden Felsen, welche das Naerödal begrenzen und die wie carrarischer Marmor aussehen, bis auch sie im Laufe der Jahrzehnte durch Nässe und Moosansatz geschwärzt sein werden. — Viele Fuhrwerke ließen unten an der Klev ihre Passagiere aussteigen und erwarteten, während die Pferde frei herumgrasten, deren Rückkehr. Nur diejenigen, welche nach Vossewangen weiter zu fahren gedachten, mußten ihre Wagen mit nach oben nehmen.

Das war nun ein schöner, aber mühseliger Aufstieg zu diesem Stahlheimhotel; unter die entzückten Ausrufe über die jeder Beschreibung spottende herrliche Gegend mischten sich Weh und Ach von allen Seiten; denn die Sonne brannte fürchterlich, und der Durst wurde geradezu phänomenal; wo man sich erschöpft in kleineren und größeren Gruppen ins Gras oder auch glatt an den staubigen Wegrand geworfen, fiel aller Blick hülfesuchend nach oben — zum Hotel; — dort malte man sich kühle Räume und jedes ersehnte Labsal aus. — Endlich waren wir oben. Aber o Schreck! Den großen Speisesaal fanden wir dicht besetzt bis auf den letzten Platz mit den zuerst eingetroffenen Unsrigen und mit den Engländern, deren Schiff wir in Gudwangen gesehen hatten.