Aber noch ein anderes freundliches Ereignis beschäftigte die Gemüter; der kleine Schalk Amor hatte, wie — dicitur — auf jeder Nordlandsfahrt, einige Herzen verwundet und zusammengeführt. Dort am Ecktische unseres Saales sitzt das glückliche Paar, und eben erhebt sich der Tischpräses, um ganz en famille eine kleine Verlobungsrede zu halten, was in dem Lärm des Speisesaales, wie er dachte, ohne weiteres Aufsehen möglich sein sollte. Aber kaum hatte er sich erhoben, so schwieg der Konversationssturm, als ob ein Engel durch den Raum schritte; erschrocken drehte der werdende Orator sich um und setzte sich sprachlos und verblüfft, die Rede im Halse, wieder auf seinen Stuhl — eine kurze Scene voll unbeschreiblicher Komik, die ein schallendes Chorgelächter hervorrief. Die Verlobung ging aber eineweg ihren Gang.

XIV.

Durch den Sognefjord. — Genrebilder im Naeröfjord. — Gudwangen. — Naerödal und Stahlheim. — Hungersnot. — Oell und Musöst. — Sprachverwirrung.

Erst am Ende des Tages, nachdem die Erlebnisse mit der „Hohenzollern“ längst vorbei waren, erfuhren wir, daß der Kaiser kurze Zeit vor unserer Ankunft das Telegramm erhalten hatte, welches ihm die — wie es darin hieß — nicht unbedeutende Verletzung der in Berchtesgaden weilenden Kaiserin meldete. Er soll sehr konsterniert gewesen sein, und daß er trotzdem das Tagesprogramm nicht änderte, sondern die Passagiere der „Auguste Viktoria“ doch empfing, wurde ihm von denselben doppelt hoch angerechnet.

Ohne ein Opfer unsererseits, d. h. von Seiten der Hapag, ging übrigens diese kaiserliche Einladung nicht ab. Der zweistündige Aufenthalt vor Anker bei Aalesund kostete unser Schiff die Kleinigkeit von 560 Kronen (zirka 800 Franken) Hafengeld.

Es schien in der Nacht stürmisch und regnerisch werden zu wollen und die Vorsichtigen legten sich rechtzeitig zu Bette, um auf alles gefaßt zu sein. Aber die Witterung blieb günstig; kaum spürte man die offene See, und morgens beim Aufwachen glitt unser Schiff längst wieder über die glatte Fläche eines Fjords. Es war der Sognefjord, durch den wir fuhren; 200 Kilometer weit schneidet er ins Land ein bei einer Wassertiefe von 1200 Meter und einer Breite von durchschnittlich kaum 6 Kilometer. Der Hauptarm teilt sich in verschiedene ganz schmale, von ungeheuern, bis 5000 Fuß hohen Steilwänden begrenzte Spalten, über welche Wasserfall an Wasserfall stürzt, während an den Enden blaugrüne Gletscher nach dem Fjord hereinblicken. Im Norden ist das größte Firnfeld Europas, der fast 1000 Quadratkilometer große Jostedalsbrae. An den Ufern des Sognefjords liegen die ältesten Kulturstätten Norwegens; sie sind auch der Boden der herrlichen Frithjofssage. — Bei nachtschlafender Zeit passierten wir ohne Gewissensbisse Ingeborgs Königspalast und Frithjofs Hof; wir mußten ja im Rückweg nochmals Gelegenheit finden, diese klassischen Orte zu grüßen.

Immer näher rückten die Felsen zusammen; oft war kein Ausweg zu sehen, und es schien unmöglich, mit unserm Schiff vorwärts zu kommen; dann öffnete sich plötzlich um die Ecke eine neue Spalte mit neuen überraschenden Ausblicken. Wir befanden uns in dem südwestlichen Endarme des Sognefjords, im Naeröfjord. Das ist die erhabenste Gebirgs- und Meerlandschaft, die wir in Norwegen gesehen, und an Großartigkeit von keinem der mir bekannten Bergseen erreicht. Und auch das Liebliche fehlt nicht in dieser gigantischen Felsenwelt. Wo sich am Fuße der himmelhohen Wände durch Absturz oder als Delta eines der Schlucht entspringenden Bergbaches ein Stück flacher Küste gebildet hat, da glänzt sie im saftigsten Wiesengrün und trägt ein paar freundliche Häuser, hie und da auch ein Kirchlein, um das sie sich scharen.

Zuletzt schienen wir aber doch am Ende des schmalen Fjords zu sein; in einem wilden, kahlen Felsenkessel mit steilen und unbewohnbaren Ufern hielten wir an und warfen den Anker aus. Wunderbarerweise belebte sich die Umgebung unseres Schiffes alsbald; kleine Boote — meist mit Frauen und Kindern angefüllt — tauchten plötzlich auf, wie der See entstiegen; denn eine menschliche Wohnstätte oder ein Ausweg aus den geschlossenen Felskoulissen war nirgends zu erblicken. Sie lauschten andächtig unserer Kapelle und staunten das mächtige Schiff an. Da gab’s reizende Genrebilder für unsere Photographen, und die Apparate klappten sehr geschäftig nach allen Seiten. Hier sitzt eine Mutter, die Ruder eingezogen, mit dem jüngsten Kind auf dem Schoß, drei ältere neben sich, und belehrt ihre Kleinen, wie sie mit ihren ärmlichen, schmutzigen Nastüchern unsere winkenden Grüße erwidern sollen. Dort füllt ein ganzes Rudel rotwangiger Buben und Mädchen ein Boot, dessen Ruder ein Backfisch handhabt, während sich die übrigen Insassen sehr seevertraut in dem schwankenden Fahrzeug lustig machen und oft mit halbem Körper nach dem Wasser überragen, um ein schwimmendes Stück Brot oder eine leere Konservenbüchse zu erhaschen. Sprach- und stimmlos vor Erstaunen war ein schwarzer Hund, der als Mittelpunkt einer fröhlich lachenden und winkenden Familie mit offenbar gespanntem Interesse das fremde Schauspiel musterte und unverwandt nach unserm Schiffe sah.