III.
Fjorde und Schären. — Hardangerfjord. — Ankunft in Odde. — Buarbrae. — Unglücksfall bei der Abfahrt. — Molde. — Naes. — Romsdal. — Ball an Bord. — Abendstimmung. — Ankunft in Drontheim.
Nördliches Eismeer 76° nördl. Breite, 11. Juli 1899.
Vor 30 Stunden haben wir dem alten Europa an seinem nördlichen Markstein, dem Nordkap, Valet gesagt und steuern dem Endziele unserer Fahrt, Spitzbergen, zu. Die Temperatur ist auf 2° C. gesunken; Himmel und Meer sind unheimlich grau und düster; undurchdringliches Gewölk verbirgt die Sonne und mit stark verminderter Geschwindigkeit sucht unser Schiff seinen Weg durch Nebel und spärliches Treibeis, geführt von zwei im Dienst ergrauten norwegischen Lootsen. Ein gelegentlich zu Gesicht kommender schwimmender Eisberg zeigt uns, wie wohlbegründet die reduzierte Fahrgeschwindigkeit und die vermehrte Vorsicht sind. Bei einem Zusammenstoß mit einem derartigen nordischen Riesen könnten alle technischen Vollkommenheiten unseres Schiffes zu Schanden werden.
Ueber das mit heute eingetretene schlechte Wetter dürfen wir nicht ungehalten sein; denn bis jetzt ging alles nach Wunsch und wir konnten die Schönheiten der norwegischen Küstenlandschaften bei herrlichstem Sonnenlichte genießen, das nordische Meer und die Mitternachtssonne in einer Pracht, wie sie wohl wenigen Reisenden zu Teil wird.
Es war vom Süden Norwegens bis zum nördlichen Ende eine Lustreise durch herrlichen sonnenwarmen Frühling. Den glänzenden Anfang bildete die Fahrt durch den vielbesungenen Hardanger Fjord. Fjorde heißt man bekanntlich die Meeresbuchten, in welche die norwegische Westküste gegliedert ist. Sie zeichnen sich vor andern Golfen dadurch aus, daß sie außerordentlich tief — bis über 200 Kilometer weit — und vielfach verzweigt in das Land eindringen. Im Verhältnis zu ihrer Länge sind sie schmal, überall von mächtigen, steilen Bergwänden eingefaßt; ihre innersten und engsten Endpunkte, bei welchen dieser Charakter am meisten ausgeprägt erscheint, gleichen auffallend unsern Alpenseen. Sie schneiden in die höchsten Teile des Landes ein; Felswände bis zu 1500 Meter fallen senkrecht und unnahbar in den dunkeln, ruhigen Golfspiegel ab; sie sind von den Gletschern der Eiszeit glatt gescheuert und wo an ihren Leisten und Absätzen die Verwitterung etwas lockere Erde geschaffen, sproßt üppiges, strotzendes Rasengrün. Blendend weiße Wasserfälle stürzen über diese von lebendig grünen Bändern durchzogenen, dunkeln Urgesteinswände und gekrönt sind sie durch flache Firnfelder; dazwischen in schwindelnder Höhe zeigt sich ab und zu ein blauer Gletscherabbruch.
Nirgends öffnet sich der Fjord direkt ins Meer; nirgends bespült der atlantische Ozean direkt das norwegische Festland, sondern die ganze über 3000 Kilometer lange Küste ist von zahllosen Inseln und Klippen — den sogenannten Schären — eingehüllt, die — groß und klein, niedrig und gebirgig, die meisten aber trostlos kahl — zu Tausenden in Gruppen beisammen liegen und die brandenden Wogen des Ozeans brechen, so daß die Dampfer in ruhiger Fahrt zwischen ihnen und der Küste nordwärts gelangen können.
Die Fahrt durch den Hardanger Fjord zeigte uns die Steigerung der Schönheiten dieser norwegischen Buchten vom Meere gegen das Landesinnere in auffälligster Weise. Erst graue, kahle Inseln und Klippen, in welche nur die weiße Brandung etwas lebendigere Farbentöne bringt und zwischen welchen sich nirgends ein Weg für unser Schiff zu öffnen scheint. Bald aber gleiten wir in das ruhige Wasser des Golfes. Die Küsten werden höher und steiler: als hellgraue, kahle Gneisfelsen entsteigen sie der dunkeln Flut, nur unten — soweit in periodischer Wiederkehr die Flut sie berührt — schiefergrauschwarz gefärbt. Auf der Höhe liegt noch Schnee; wo er haften kann auch auf dem Gefälle, und aus der Ferne strahlen glänzende Firnflächen und blaue Gletscher.