Immer mächtiger werden die begrenzenden Berge, und je weiter wir landeinwärts fahren, desto mehr Vegetation stellt sich ein; Wälder und Wiesen unterbrechen das einförmige Gesteinsgrau; am Fuße der steilen Felswände sind fruchtbare Gelände, spärlich bewohnt zwar, aber doch sieht man hie und da in freundliche Baumgruppen gebettet eine Ansiedlung, schmucklose, aber saubere Holzhäuser, einzeln oder als kleines Dorf um eine Kirche gelagert. Auch weidendes Vieh belebt die steinigen und grüngefleckten Abhänge und im Hintergrunde fehlt nie das Bild eines hoch herabstürzenden Staubbaches.
Odde (Hardanger)
Nach sechsstündiger Fahrt nordostwärts biegt der Fjord plötzlich steil nach Süden und nach weitern zwei Stunden liegt an seinem Ende Odde vor unsern Augen. Die Aehnlichkeit der Szenerie mit dem Urnersee ist hier eine ganz auffällige; sogar die Axenstraße fehlt nicht; der Hauptunterschied besteht in der enormen Ausdehnung der hiesigen Landschaft und dem Reichtum der prächtigen Wasserfälle, welche aus höchster Höhe der firngekrönten Felswände herniederstürzen, oft sich vielfach teilen, wieder vereinigen, in Staub aufwirbeln und schließlich als klarer grüner Bergstrom im Spiegel des Fjord aufgehen.
Böllerschüsse ertönen, widerhallen mächtig an den Gebirgswänden und kehren nach einer halben Minute noch als kräftiges Echo zurück. Die Flagge wird aufgezogen; die Ankerkette rasselt; alles ist auf Deck, um die schöne Welt zu sehen. — Die Kapelle grüßt das nordische Land mit seiner Nationalhymne.
Drei Stunden später — 10 Uhr abends, aber bei noch hellstem Tageslichte — lief ein mit englischen Touristen gefüllter Dampfer ein, die von Cook gecharterte „Midnightsun“, eine Schnecke im Vergleich zu unserm stolzen Schnellfahrer. Wir hatten sie nachmittags 4 Uhr beim Maurangerfjord — einem der vielen malerischen Nebenarme des Hardangerfjords — überholt und sie dann rasch aus den Augen verloren. Es ist dasselbe mehr als mittelmäßige Schiff, auf welchem Cook im Frühjahr seine Touristen zum Kaiserbesuch in Jerusalem geführt hat und an dessen Bord Buchhändler Kober aus Basel im Hafen von Alexandrien gestorben ist.
Die verschiedenen kleinen Landausflüge, welche in der knapp zubemessenen Zeit möglich waren, hatte die Reisefirma Beyer in Bergen sorgfältig vorbereitet; ein Vertreter befand sich schon von Hamburg her an Bord, und die Mehrzahl der Passagiere — wohl über 300 — hatte sich durch Bezahlung einer Pauschalsumme von 60 Mark das Recht gesichert, ohne eigene Mühe an die sehenswerten Punkte befördert zu werden. Wir zogen vor, auf eigene Faust zu schwärmen, zu laufen oder zu fahren, wie und wann es uns beliebte, und haben es nicht bereut.
So begaben wir uns dann andern Morgens im herrlichsten Sonnenschein ans Land und besahen uns das kleine freundliche Städtchen, dessen Kirche und Häuser wie überall in Norwegen aus Holzriegeln aufgebaut und mit einer Art Krallengetäfer eingekleidet und hübsch bemalt sind. Kaum ein Fenster ohne saubere Vorhänge und freundlichen Blumenschmuck. Deutsch wird nirgends gesprochen, wohl aber englisch, namentlich auch von Kutschern und Blumen offerierenden Kindern, und jeder Fremdling wird von vorneherein als Sohn Albions betrachtet.
Das Ziel unseres Ausfluges bildet Buarbrae, der östliche Abfall eines 36 Kilometer langen und 6-15 Kilometer breiten Firngletschers von seltener Schönheit und Reinheit, weil keine überragenden Gebirge durch Verwitterung seine Oberfläche verunreinigen. Eine gute Straße führt von Odde zirka 25 Minuten weit in sanfter Steigung in die Höhe; nebenan stürzt ein Bergstrom in malerischen Fällen zu Thal; auch wo er kleine Strecken ruhiger läuft, ist sein Wasser ein weißer Gischt, und man begreift sehr gut, daß Lieutenant Hahnke, der Begleiter des deutschen Kaisers auf seiner letzten Nordlandsfahrt, absolut verloren war, als er auf seinem Velo in diesen wilden Strom stürzte.