Der Rückblick auf Odde und den zu Füßen liegenden Fjord ist entzückend. Die Vegetation zeigt lauter alte Bekannte; wo der Boden bebaut ist, trägt er Kartoffeln und Gerste, auch Gemüse mancher Art. Die Straße führt aber großenteils durch Weiden; das Gras wird mit einer sichelartigen, nur mit der rechten Hand geführten Sense geschnitten und dann an zu diesem Zwecke erstellten Holzhecken aufgehängt und gedörrt. Das Heu duftete auffallend aromatisch. Von Blumen erfreuten uns am meisten zahllose wilde Rosen, die in großen Büschen am Wege stunden, sowie besonders farbenschöne und zahlreiche Exemplare von purpurrotem Fingerhut. Auch Stein- und Kernobstbäume sind vorhanden. Birken und Buchen und massenhafte Wachholderbüsche bringen Abwechslung in das Naturgemälde.
Buarbrae.
Auf der Höhe — offenbar einer großen alten Moräne — öffnet sich plötzlich die Aussicht auf einen prächtigen See; die Straße führt auf einer eisernen Brücke über seinen ausmündenden, zu Thal stürzenden Strom und dann nach wenigen Minuten zur Landungsstelle eines kleinen Dampfers, wo schon eine Anzahl unserer Mitreisenden der Abfahrt harrten. Freundliche blauäugige Landeskinder boten Erdbeeren und Blumen zum Verkauf, höflich und nicht zudringlich; für kleine Geschenke dankten sie mit Händedruck. Bei Kindern wie bei Erwachsenen fiel uns auf, wie viel ungeschickter und schwerfälliger sie im Erraten der durch Zeichensprache ausgedrückten Absicht der Fremdlinge sich erweisen als die südlichen Nationen, z. B. die leichtbeweglichen Italiener.
In kleinem Dampfer dicht zusammengepfercht fuhren wir auf die andere Seite des Sees, wo zwischen mächtigen Bergen ein Thal sich öffnet, das berühmte Jordal. An seinem Ende liegt, schon vom See her sichtbar und vom grünen Vordergrund prachtvoll abgehoben, der östliche Gletscher des Buarbrae. Der Weg dorthin steigt zirka 1½ Stunden lang und ist ziemlich beschwerlich; aber die reiche Vegetation — Birken, Ulmen, Ahorne — neben dem schäumenden Gletscherbach, eingerahmt von schroffen Felswänden und hie und da wie ein Gemälde auf dem blaugrünen Grunde des den Horizont abschließenden Gletschers, bot so viel schöne und überraschende Bilder, daß wir im Schweiße unseres Angesichtes vorwärts pilgerten, über Stock und Stein und Bergwässer; die Sonne brannte wie bei uns im Sommer — ein Hohn auf unsere Winterkleider.
Das kleine, auf felsigem Hügel unmittelbar am Gletscher liegende Restaurant war von Erquickungsbedürftigen bereits angefüllt und umlagert, als wir ankamen. Auf blumigem Rasen ausgestreckt labten auch wir uns und sahen dem ungewohnten Getriebe in diesem stillen Bergthale zu. Die guten Wirtsleute konnten den an sie gestellten Anforderungen kaum gerecht werden und schossen planlos hin und her; nur die Tochter des Hauses, in der malerischen Hardangertracht — weißes Hemd, rotes Mieder mit perlengesticktem Bruststück, gefaltete, gesteifte weiße Linnenhaube, weiße Schürze — verlor den Kopf nicht und hielt den ungestüm andrängenden hungrigen und durstigen Fremdenstrom im Zaume.
Norwegerinnen.
Die Hardangertracht ist außerordentlich kleidsam, es scheint aber, daß die Volkstrachten wie bei uns so auch in Norwegen, wenigstens an den Haupttouristenplätzen, im Rückgang begriffen sind.
Ein liebliches und auch farbenschönes Genrebild, das ich bei der Rückkehr aus dem Jordal sah, bleibt mir unvergeßlich: Eine stolzgewachsene junge Frau, nach der Landessitte gekleidet, hielt von einem kleinen grünen Hügel herab Auslug — wohl nach ihrem Mann — die Augen mit der rechten Hand beschattend, während die linke ein Kind schützte, das zu ihren Füßen mit einem anderen spielte.