Gegen Abend war alles wieder an Bord; punkt 6 sollte die Abfahrt erfolgen. Leider ereignete sich dabei ein Unglücksfall, der unsere Stimmung lange trübte. Bei den üblichen Salutschüssen wurde ein 24jähriger Matrose verletzt und ins Meer geschleudert. Er hatte, wie sich herausstellte, versäumt, den Lauf der Kanone nach dem ersten Schusse feucht auszuwischen, und als er die zweite Patrone einführte, entzündete sie sich an den noch vorhandenen Funken und fegte den unvorsichtigen Lader rücklings ins Meer. Hätte nicht ein norwegischer Schifferjunge von seinem kleinen Kahn aus das Unglück beobachtet und sofort Meldung gemacht, so wäre es unbemerkt geblieben. Aber alles Suchen an der blutgeröteten Stelle war erfolglos; der Bursche, der seine erste Fahrt auf der „Auguste Viktoria“ gemacht, kam auf die Verlustliste, und mit einer Stunde Verspätung, deren Grund den meisten Passagieren lange Zeit unbekannt blieb, fuhren wir ab, während die Musikkapelle die Wissenden über die traurige Situation hinwegzutäuschen suchte. Eine Sammlung unter den Schiffspassagieren, angeregt durch die Amerikaner bei der Feier ihres Unabhängigkeitsfestes, zu Gunsten der Eltern des Verunglückten ergab über 2000 Mark.
In der Nacht glitten wir in die offene, etwas unruhige See; die Ahnungslosen in den Kabinen der Steuerbordseite, welche aus Luftbedürfnis die Lucke offen gelassen — so auch meine beiden Gefährtinnen — konnten ihre Tücke erfahren; sie wurden in ihren Betten bald gehörig mit Salzwasser begossen. Trotzdem gab es wenig sichtbare Seekranke und im Verlauf des folgenden Tages, des 5. Juli, lenkten wir bei Aalesund bereits wieder in die ruhige Wasserfläche des Moldefjords ein, an dessen Nordwestufer das nordische Nizza, das Städtchen Molde, reizend im Grünen liegt. Unsere Ankunft daselbst erregte Sensation; vieles Volk strömte zum Landungsplatz und vier im Hafen verankerte englische Kriegsschulschiffe salutierten, während von unserem Deck herab die englische Nationalhymne ertönte.
Straße in Molde.
Wir ließen uns sofort auf einer der unterdessen flott gemachten „Dampfsparkassen“, wie die Barkassen in unserem Kreise scherzhaft benannt werden, ausbooten und besahen uns Land und Leute. In Molde herrscht ziemlicher Fremdenverkehr, und verschiedene große Hotels, nebenbei auch ein in prächtigem Park gelagertes Sanatorium für Lungenkranke, geben der kleinen Stadt das Gepräge eines Kurortes. Beherrscher der Situation sind wie überall die Engländer; alles Volk spricht ein bißchen englisch; Plakate und Affichen sind in englischer Sprache abgefaßt, und auf den Straßen begegnet man radelnden Ladies.
Klima und Vegetation sind überraschend südlich; inmitten eines herrlichen Frühlings voll blühenden Flieders mit duftenden Gaisblatt- und Rosenlauben konnte man kaum glauben, sich bereits drei Breitegrade nördlicher als St. Petersburg, d. h. schon auf der Höhe des eisigen Grönland zu befinden. Zwischen freundlichen Holzhäusern mit zum Teil gut gehaltenen und üppigen Gärtchen führte uns der Weg auf die Anhöhe, wo die stattliche, ebenfalls aus Holz erbaute lutherische Kirche steht. Auch ihr Inneres ist sehenswert; der dreischiffige Bau enthält außer einer schönen Orgel als Hauptschmuck ein farbenreiches Altargemälde des norwegischen Künstlers Alex Ender, eine rührende Darstellung der Frauen am Grabe des Auferstandenen.
Eine Ahornallee führte uns westlich zu einem Friedhofe; die Gräber sind alle mit Liebe gepflegt und bilden blumenbesäete Hügel. Auffallend ist die Nüchternheit der Inschriften auf den Grabmonumenten, die außer Namen, Geburts- und Todesdatum gar nichts enthalten. Eine benachbarte Privatbesitzung zeichnet sich durch einen ungewöhnlich üppigen Garten aus; das Gaisblatt rankte üppig bis zum Dache der hölzernen Villa; Rosen, Flieder und Rotdorn blühten in baumstarken Exemplaren und auf grünem Rasenplatze sahen wir sogar eine mindestens 5 Meter hohe Araucaria. Ueberall in Molde finden sich Kastanien, Linden, Rotbuchen, Bergahorn und auch Kirschbäume in großer Menge. Den Hauptreiz der Gegend bildet aber wohl die unvergleichliche Aussicht von einem mit Anlagen versehenen kaum 80 Meter hohen Hügel auf die ins Grün gebettete Stadt hinab, den weiten tiefblauen Fjord mit seiner Inselwelt und den schneebedeckten Gipfeln der den Horizont abschließenden Bergketten.
An Bord zurückgekehrt wanderten wir noch lange deckauf und deckab; die Nacht war taghell; ununterbrochen flogen unsere Barkassen hin und her, brachten und holten — wer Lust hatte, zwischen Land und Deck hin und herzuwandern. Um 10 Uhr fuhr mit klingendem Spiel unsere Kapelle ans Land und konzertierte auf freiem Platze, wo Alt und Jung aus der Stadt zusammenlief. Erst nach Mitternacht schloß das improvisierte Volksfest mit der Nationalhymne, Umzug von Fremden und Einheimischen — Männlein und Weiblein — die Musik an der Spitze, durch die Straßen der Stadt; war auch die Sonne nach halb 11 Uhr noch unter den Horizont gestiegen, so blieb doch bis zum Wiederaufgang morgens halb 3 Uhr eine helle Dämmerung, welche jedes künstliche Licht überflüssig machte.
Donnerstag, 7. Juli, 6 Uhr morgens lichteten wir die Anker; vom Strande her wehten weiße Tücher zum Abschied; auch die vier englischen Schiffe waren zur Abfahrt bereit und in dem Takelwerk der Dreimaster stand, des Kommandos harrend, die Mannschaft — ein überaus malerischer Anblick.