Stolkjaerre.

In mehrstündiger Fahrt, auf welcher das Auge von einem Entzücken ins andere geriet, erreichten wir das südöstlich von Molde in verstecktem Fjord gelegene Naes, den Ausgangspunkt für den Besuch des Romsdals (d. h. Thal der Rauma), eines von hohen Bergen überragten und durch schönen Baumwuchs ausgezeichneten Wiesenthales, das uns außerordentlich an das Engelbergerthal von Stans bis Wolfenschießen erinnerte. Was Naes und weitere Umgebung an Fuhrwerken auftreiben konnten, stund — von Beyer aufgeboten — am Strande bereit, außer einigen Landauern hauptsächlich das charakteristische Vehikel Norwegens, die von den Bauern gestellte Stolkjaerre (Stuhlkarre), welche Platz für zwei Reisende und einen hinterhalb angebrachten Kutschersitz hat, sowie das zweirädrige einplätzige Kariol, auf welchem der Reisende in einer Art Sessel mit ausgestreckten Beinen sitzt, wobei die Füße in festen Steigbügeln ruhen; dabei kutschiert er selbst oder aber ein hinten aufsitzender Kutscher. Auch hier konnte man sich nur in englischer Sprache verständlich machen.

Wir mieteten einen Zweispänner und fort ging’s, bergauf und bergab, leider auf schrecklich staubiger Landstraße durch die malerische Gebirgslandschaft, welche durch die 5000 bis 6000 Fuß über der Thalsohle sich erhebende schneebedeckte Hexenzinne und das Romsdalshorn beherrscht wird. Die wenigen am Wege liegenden und oft in wilden Rosenbüschen verborgenen Bauernhäuser zeigen als Eigentümlichkeit mit Erde bedeckte flache Giebeldächer, auf welchen üppiges Buschwerk und Gras gedeiht — allerdings eine bessere Garantie gegen Feuersgefahr als die sonst hier auch üblichen Strohdächer.

Leider sind die blauäugigen wegelagernden Kinder hier — dank dem englischen Fremdenstrome — schon weiter in der Kultur als anderswo in Norwegen; man glaubt im Berner Oberland zu sein; kleine Sträußchen werden in die Wagen geworfen, sofern man sie nicht freiwillig kauft, und der blumenschleudernde Knirps bleibt mit großer Beharrlichkeit an der Seite des Dahinrollenden, bis sein Geschoß oder ein Geldstück wieder zurückfliegt. Auch strecken die kleinen Hände fremdes Geld her mit dem Imperativ: „Change!“ und kennen ganz genau den entsprechenden Münzwert.

Vierzehn Kilometer von Naes entfernt öffnet sich das Thal plötzlich zu einer weiten grünen Mulde, an deren nördlichem Abhang ein freundliches Wirtshaus liegt — Horgheim. Hier hatte sich bereits ein buntes Leben entfaltet. Dutzende von Amateurphotographen unseres Schiffes stunden mit ihren Apparaten wie Jäger auf dem Anstand und fingen und fixierten, was irgend möglich war, und mancher wird ahnungslos — nicht immer in der gerade gewünschten vorteilhaftesten Situation — auf dem lichtempfindlichen Papier eines Mitpassagiers mit diesem nach Hause wandern und dort das Licht der Welt wieder erblicken.

Staubbedeckt kehrten wir Mittags an Bord unseres Schiffes zurück, das uns nun schon als unsere zweite vertraute Heimat erschien, auf deren reinen, seefrischen Gründen wir uns mit Behagen herumtrieben. Nachmittags gab’s allerlei zu sehen, u. a. die Vorbereitungen zu einem Ball, der abends auf Promenadendeck stattfinden sollte. Der Hauptraum des Decks wurde mit Segeln gegen Wind und See abgeschlossen, mit bunten Flaggen und Tüchern recht geschmackvoll und seemäßig dekoriert und durch mächtige transportable elektrische Lichtreflektoren erhellt.

Die Schiffsbemannung wurde zur Ausfüllung der Muße dazu kommandiert, die Rettungsboote ins Wasser zu lassen und unter der Führung je eines Schiffsoffiziers Ruderübungen zu machen. Die fielen bei den Ungewohnten komisch genug aus. Die achtrudrigen Boote bewegten sich wie Maikäfer, die abwechslungsweise mit der Hälfte ihrer Beine an klebriger Unterlage stecken bleiben. Es war nicht gerade sehr ermutigend, daß von zum Teil offenbar ganz ungeübten Händen uns im Ernstfall die Hilfe kommen sollte.

Die Abfahrt von Naes, aus dem herrlichen Bergsee Romsdalfjord, erfolgte abends gegen 9 Uhr mit dem gewohnten, aber immer wieder packenden Abschiedsradau. Die Welt war in einer Farbenpracht, wie ich sie nie zuvor gesehen. Dieses Grün der Wiesen und Wälder, dieses glänzende Grau und Schwarz der mit Schnee bedeckten und teilweise auch noch schwarz gefleckten Felswände und dieses Marmorweiß der zu Thal stürzenden Bäche! Es muß in physikalischen Eigenschaften der hiesigen Luft liegen, daß alle die Farben so überaus viel intensiver ins Auge fallen als bei uns oder im Süden, sogar im Orient; dieselben Eigenschaften bedingen wohl auch die Thatsache, daß alle Distanzschätzungen hier viel zu knapp gemacht werden. Gletscherabbrüche, die 15 Kilometer zurückliegen, scheinen in einer halben Stunde erreichbar.