Bald nach der Abfahrt bewölkte sich der Himmel dicht und ganz bis auf eine lichte Zone über dem westlichen Horizont, an welcher das Wolkengewölbe wie ein steiler Wall abschloß. Die Sonne stund noch hinter dem Gewölk, vergoldete aber deren Saum und warf einen nordlichtartigen, gewaltigen Fächerschein auf die leichtgekräuselte See. Jetzt senkt sie sich als mächtige Scheibe in die lichte Zone des Horizonts; es sieht aus — nicht wie Abendrot, sondern als ob ein glänzender Tag anbrechen wollte.

Wir saßen auf Vorderdeck, in diesen herrlichen Anblick versunken. Was kümmerten uns die im Tanz sich drehenden reichen Toiletten, Frack und Seide, mit welchen, wie wir zu unserm Erstaunen gesehen, ein großer Teil unserer „Polarreisenden“ plötzlich zuvor bei Tisch erschienen war! Was kümmerte uns Tanzmusik und Champagner-Pfropfenknallen!

Die Beleuchtung wurde immer magischer. Auf die nun pechschwarz dräuenden Gebirgspyramiden fiel durch Wolkenlücken das Licht in goldenen Streifen, und diese wunderbar mit Schnee gekrönten Bilder spiegelten sich in der dunkeln, tintigglänzenden Flut wie auf poliertem Metalle.

Nochmals sahen wir auf der Rückfahrt durch den Moldefjord das liebliche Molde; dann ging’s zwischen der Insel Otterö und dem Festlande hinaus in die offene See und morgens 7. Juli früh in den Trondhjemfjord, wo wir angesichts der alten norwegischen Königs- und Krönungsstadt uns vor Anker legten. Vom Lande her tönte als freudig applaudierter Gruß der seit Hamburg vermißte Pfiff einer Lokomotive. Ich hätte nie geglaubt, daß dieses so prosaische und unmusikalische Geräusch — natürlich nur bei Landratten — so heimatliche Gefühle wecken könnte. Die in Drontheim (norwegisch: Trondhjem) endende Eisenbahnlinie beginnt bei Kristiania und ist, fast 600 Kilometer lang, die bisher einzig in Betracht kommende Bahnstrecke Norwegens.

IV.

Drontheim. — Effekt des Polarstromes. — Lerfos. — Verspätete zur Abfahrt. — Erste Wale. — Polarkreis.

Drontheim ist unter 63° 25′ nördlicher Breite weitaus die nördlichste der größern Städte Europas; sie liegt auf einer vom Flusse Nid gebildeten Halbinsel am Fjord gleichen Namens. Bedenkt man, daß die genannte geographische Breite dem eisbegrabenen Grönland entspricht und jenen Inseln des nordamerikanischen Archipels, in welcher seiner Zeit die Franklin-Expedition zu Grunde ging — Gegenden, in welchen im Winter das Quecksilber gefriert —, so ist man erstaunt über die reiche Vegetation dieser nordischen Stadt, wie der norwegischen Westküste überhaupt. Der Sommer Drontheims entspricht dem des südlichen Irland, der Winter dem milden von Dresden; der Fjord bleibt immer eisfrei und auch der einmündende Süßwasserfluß gefriert äußerst selten.

Diese geographische Abnormität verdankt Norwegen einer Warmwasserheizung (System und Qualität Gebrüder Sulzer, Winterthur), deren Heizkessel sich im mexikanischen Meerbusen befindet und deren Hauptröhre eine Breite von 400 Meilen, eine Tiefe von 1000 Fuß und eine Länge von vielen hundert Stunden hat und durch welche sie in der Sekunde 18 Millionen Kubikmeter warmen Wassers nach dem Norden wälzt. Zur Zeit Karls des Großen und bis fast vor 500 Jahren noch wälzte sich dieser tropische Warmwasserstrom auch noch nach Grönland, welches dazumal, wie auch der Name deutet, ein grünes Weidenland war. Noch vor einem halben Jahrtausend wohnte dort in 40 Dörfern eine Bevölkerung, welcher ein eigener Bischof vorstand, und nun ist das gewaltige Land völlig vereist und, wie der kühne Durchquerer Nansen zeigte, bedecken 300 Meter dicke Eisschichten die einst blumigen Triften. Die Ursache dieser unerhörten Veränderung soll darin zu suchen sein, daß die im Laufe der Jahrhunderte ins Meer vorgeschobene Korallenbank von Florida den Golfstrom von seiner ursprünglichen nördlicheren Richtung abgelenkt und Grönland vollständig entzogen hat. Für Norwegen aber bildet er den Träger alles Lebens und Keimens und seine Wirkungen erstrecken sich bis weit hinauf nach Spitzbergen und Nowaja Semlja — wie lange noch, wird man kaum mit Sicherheit sagen, aber doch mit einiger Wahrscheinlichkeit berechnen können. Die hohe Temperatur des Golfstromes in nördlichen Breiten war den Schiffahrern lange vor Entdeckung des Seethermometers aus dem Umstande bekannt, daß die Getränke im Kielraume der Schiffe warm wurden.