Ueber die Richtung des Stromes bekehrten anfänglich zufällige Befunde: Treibholz aus dem tropischen Amerika an der grönländischen Küste, Mahagoni- und Campechebäume in Spitzbergen etc. etc. Daß auch eine Strömung in entgegengesetzter Richtung stattfindet, beweisen die alljährlich zu Tausenden dem sibirischen Stromsystem entstammenden, an der Nord- und Ostküste Spitzbergens und anderer baumlosen Polarländer angeschwemmten Baumstämme.
Drontheim ist die Wiege des norwegischen Reiches. Hier wurden die Könige gewählt und auf den Schild gehoben. Der Kultus des heiligen Olaf, des Königs, dessen Leiche in silbernem Schrein hier bestattet lag, zog jährlich Tausende von Anbetern herbei, und vor der Reformation, welche diesen Pilgerzügen ein Ende machte, war Drontheim die reichste Stadt Norwegens. 15 mal ist sie — fast ganz aus Holz erbaut — im Laufe der letzten Jahrhunderte niedergebrannt. Jetzt zählt sie noch 35,000 Einwohner.
Wir fuhren sofort ans Land, wo wieder die lange Wagenreihe der Beyerschen Mietfuhrwerke bereit stund. Ein strammer Norwege, der auch yes und no sagen konnte, führte uns in seinem Zweispänner zuerst nach der landschaftlichen Hauptsehenswürdigkeit dieser Gegend, den Fällen des Nid, den sogen. Lerfos. Erst ging’s quer durch die Stadt, deren Straßen alle eine auffällige Breite — 30 bis 36 Meter — haben, zur Verminderung der Feuersgefahr; denn außer einigen öffentlichen Hauptgebäuden sind auch wieder alle Häuser aus Holz erstellt. Dann führte der Weg dem klaren Bergstrome nach, der zwischen dichtbewaldeten steilen Böschungen fließt, landeinwärts. Ab und zu nützt eine Mühle einen Bruchteil dieser mächtigen Wasserkraft; an einer Stelle sind drei riesige Steinpfeiler in Keilform im Flußbette aufgemauert, um die Wucht der Stromschnelle zu mildern. Die Ufer sind nicht durch Faschinen geschützt, sondern durch eine Vorrichtung, welche ich sonst nirgends gesehen: mächtige Balken sind durch eiserne Bindeglieder zu einer fortlaufenden, am obern Ende verankerten Kette verbunden, welche nun als beweglicher schwimmender Wall dem Uferrand, wo dies nötig schien, einen Schutz gewährt.
Die norwegischen Pferde, welche uns zogen, sind leistungsfähige, fettarme, aber sehr muskulöse kleine Tiere mit prachtvollem, unverkürztem Schweife und einer ungewöhnlich dichten Mähne. Tierquälerei wie im Süden haben wir nirgends gesehen und die Fürsorge für die Tiere zeigte sich in wohlthuender Weise vor einer stärkern Steigung der Straße, etwa eine Stunde hinter Drontheim — ungefähr unserm „Aumühlestich“ entsprechend — wo die Fahrenden durch eine Tafel am Wege zum Aussteigen aufgefordert werden. Hier war die Inschrift nicht nur norwegisch und englisch, sondern ausnahmsweise auch deutsch und lautete: „Man bittet das reisende Publikum, selbst den Berg zu spazieren, um die Pferde zu schonen.“ Das thaten wir denn auch gerne und freuten uns über die tierfreundliche Maßregel.
Die beiden Fälle des Stromes, bekränzt von schönem lichtem Laub- und Nadelholzwalde, sind wirklich sehenswert, namentlich der obere, wo die gewaltige Wassermasse, ähnlich wie der Rheinfall, durch einen Felsen in zwei Teile geteilt über 100 Fuß herunterstürzt und zum Teil als weißer Gischt wieder in die Höhe steigt. Wo oben die Fluten sich zum Falle anschicken, lassen sie in kristallklarer Tiefe wunderlich geformte und grell gefärbte Felsen in überraschender Schärfe erkennen, ein Bild, wie es Boecklin zu malen versteht.
Oberer Lerfos.
Nach Drontheim zurückgekehrt, besuchten wir vor allem den Dom, wohl das herrlichste Bauwerk des Nordens, von König Olaf Kyrre im elften Jahrhundert über dem Grabe Olafs des Heiligen gegründet und später bedeutend erweitert. Brand und Blitzschlag haben das Gotteshaus vielfach geschädigt und die 1869 begonnene und mit einem jährlichen Aufwand von 100,000 Kronen (ca. 140,000 Franken), beschlossene Restauration wird noch Jahrzehnte dauern. Aber was zu sehen ist, ist von überwältigender Schönheit. Durch ein romanisches Kapitelhaus gelangt man in das in reichster Gothik ausgeführte Kuppelachteck, das durchbrochene, schlanke Säulengänge von in diesem gebirgigen nordischen Lande unerwarteter Zierlichkeit zeigt. Daran anschließend ist die in Kreuzform gebaute Hauptkirche. Die Wände sind aus graublauem Saponit, die Säulen — ein sehr wirkungsvoller Kontrast — aus hellem Marmor. Das Hauptschiff ist leider zur Zeit noch abgeschlossen und dient als Werkstätte. Um die Domkirche, die auch von außen einen erhabenen Eindruck macht, liegt ein freundlicher Kirchhof mit blumengeschmückten Gräbern.
Dom in Drontheim.