Bevor wir auf unser Schiff zurückkehrten, kreuzten wir ein bißchen die Straßen der Stadt, freuten uns über eine in flottem Stile aus Stein erbaute höhere technische Schule und über die prächtigen Straßenalleen aus der vollkronigen nordamerikanischen Pappel („Bobbulus balsamifera mid’n hardden B“ erklärte ein liebenswürdiger Botaniker den Mitreisenden, und „Ich bin Se nämlich aus Leibz’g“ fügte er als Entschuldigung für die Orthographie gemütlich bei.)

Punkt 6 Uhr sollten wir abfahren; die Falltreppe war aufgezogen, der Anker los; der Kapitän ließ das Schiff langsam wenden und die Kapelle spielte auf Oberdeck einen Abschiedsmarsch. Da kam aber noch ein verspäteter Nachzügler per Extraboot, dem man warten mußte. „Herr Kapellmeister, lassen Sie doch spielen: ’s kommt a Vogel geflogen!“ rief’s vom Promenadendeck herauf. Endlich war der Spätling geborgen, das Schiff gedreht und die zwei Schrauben arbeiteten vorwärts. Plötzlich wird aber nochmals Halt kommandiert; das Auge des Kapitäns hatte ein weiteres Hindernis erkannt und zehn Minuten später kam es auch uns gewöhnlichen Menschenkindern zu Gesicht: eine mit dem Nastuch winkende Dame, welche von zwei Norwegern mit Aufwand aller Kräfte zum Schiffe gerudert wurde. Von 400 wütenden Augenpaaren fixiert, stieg die Dame an Bord; es war eine wegen ihrer Rücksichtslosigkeit berüchtigte Wienerin, die „Jungfrau mit 16 Koffern und 30 Hüten“, die täglich zweimal in ganz neuer Toilette bei Tisch erschien und alltäglich — zur Qual des Stewards — Tischplatz und Kabine zu wechseln wünschte und gewöhnlich zu nachtschlafender Zeit um Thee und belegte Brötchen klingelte. Was den Passagieren aus Zoologie, Botanik und Meereskunde geläufig war, erhielt die Unglückliche als Titulatur, und man rechnete aus, daß die dreiviertelstündige Verspätung, welche sie dem Schiffe verursachte, genau für 300 Mark Mehrverbrauch an Kohlen bedeute.

Nun aber ging’s vorwärts, unausgesetzt nach Norden. Als ich am andern Morgen um halb 7 das Verdeck betrat, schwammen wir bei herrlichstem Wetter auf offenem Meere, und das Erste, was ich erblickte, waren zwei Wale in unmittelbarer Nähe des Schiffes, deren Rücken und die mächtige Schwanzflosse über Wasser guckten und die nach jeweiligem Tauchen das bekannte Schauspiel des aufspritzenden Wassersprudels in deutlichster Weise gewährten.

Um halb 9 Uhr passierten wir den Polarkreis — mit einem deutlichen Ruck, wie einige Herren den Grünen weißmachen wollten. Einem naiven Schiffsjungen führte man den Polarkreis durch einen dem Objektiv eines Fernrohres vorgespannten Faden in überzeugendster Weise zu Gesichte. Ein Kanonenschuß gab Kunde von dem wichtigen Moment, den einige Amerikaner wieder mit Sekt feiern zu müssen glaubten.

Möven und kräftige schwarzweiße Enten belebten das Meer; die letzteren, sogen. Lummen, tauchen so gewandt, bleiben so lange unter Wasser und bewegen sich nachher durch Schlagen des Wassers mit den Flügeln, wobei sie eine deutliche Bahn zurücklassen, so nach Art der fliegenden Fische vorwärts, daß es einige Zeit dauerte, bis ich sie in ihrer richtigen Eigenschaft erkannte. Sie sind so dick, daß sie nur bei Windströmungen weitere Strecken fliegen können.

Da das Wetter tadellos, ist alles an Bord in bester Laune. Selbstverständlich sieht männiglich nach großen Seetieren aus und der Ruf „Wale, Wale!“ schreckt auch die behaglich Schlummernden aus ihrer Ruhe. Alt und jung rennt zur Brüstung, die meisten, um nachher mit dem erhabenen Bewußtsein sich wieder zu legen, daß irgendwo ein Walfisch in der Tiefe der Salzflut vorbeigerudert sei.

„Sie Unterländer, kommen Sie doch mal ruff; hier oben ist’s viel schöner!“ ruft ein gemütlicher Süddeutscher den ein Stockwerk tiefer Weilenden vom Bootsdeck herab zu. „„Ne, Herr Notarius; kommen Sie sofort ’runter; wir trinken Cognäkker!““ schallt’s aus der Tiefe. „Ne, da finden Sie keine Gegenliebe; ich widme mich der Temperenz!“ Derartige Dialoge sind so die Durchschnittsqualität der Polarkreis-Konversation an Bord der „Auguste Viktoria“.