In den Mühen und Sorgen des täglichen Lebens, die uns wie Opium vom Schicksal gegeben werden, um die größeren Leiden zu vergessen, denken wir kaum all des vielen Verlorenen. Aber an den Abenden langer Reisetage, wenn das Buch der Hand entgleitet und wir müde aus dem Fenster hinausstarren, wenn der Zug durch weite Ebenen braust und sein Schatten, riesengroß verlängert, über der wehenden Grasfläche neben uns dahineilt, wenn überall um uns die festen Formen sich auflösen und verschwimmen in dämmerigem Grau – dann greifen uns unsichtbare Hände kalt ans Herz, unendliche Wehmut, vergebliches Sehnen, bitteres Erinnern erfüllen uns ganz. Das ist die Stunde, wo Verlorenes, Totes aufersteht, wo wir plötzlich gewahr werden, wie arm wir geworden.

Der geträumte Märchengarten liegt plötzlich wieder vor uns, so schön, so beglückend, wie wir ihn einst geplant, in jener Zeit, da wir das felsenfeste Bewußtsein hatten, zu ganz Besonderem berufen zu sein; aber statt der damaligen Zuversicht, statt des Glaubens an uns und unsere Bestimmung, erfüllt uns heute nur bitteres Weh; wir wissen ja, daß wir all die goldigen Blumensaaten verloren haben, die einen erstarrten in Eis und Schnee, die anderen verbrannten in sengender Glut – nimmer werden sie keimen und blühen. Mit Nichtigkeiten und Eitelkeiten sind die Jahre verstrichen, wir haben sie vergeudet in der Jagd nach dem Unwesentlichen und vertrauert in den Sümpfen der Entmutigung – und darüber ist das Höchste und Beste in uns gestorben, das Kostbarste ist verloren gegangen.

Und nun ist es zu spät! –

Wir möchten die Zeit anhalten, zurückeilen, nochmals anfangen und alles so ganz anders und besser beginnen! Aber nie können die Räder der Zeit sich für uns rückwärts drehen, und der Zug braust unaufhaltsam über die Ebene weiter; wie ein Ungeheuer breitet sich sein Schatten über die Fläche, wie ein Ungeheuer führt uns das Schicksal eilend weiter. Willenlos müssen wir ihm folgen, die wir nicht stark genug waren, selbst Schicksal zu werden, die wir die Jahre vergeudet und dann vertrauert.

Und die ganze Fahrt – wohin? wozu? –

Selig, wer sich aus der Kette der Verluste, als Opium letzter Stunde, den Glauben an ein Ziel gerettet.


9.

New York, Oktober 1899.

Lieber Freund! Nach viertägiger Fahrt sind wir endlich hier eingetroffen. Müde und verstaubt kamen wir gestern Abend an und fuhren gleich nach dem Waldorf Astoria. Ich wartete in der großen Halle des Hotels, während mein Bruder sich nach unseren Zimmern bei den Direktoren erkundigte, die wie Kronjuwelen oder Verbrecher hinter Gittern sitzen. Während ich so wartete, bildete sich allmählich ein Gedränge um mich, das ich mir nicht zu erklären wußte, da ich mich weder schön noch abschreckend genug fühlte, um ein derartiges Interesse bei meinen Mitmenschen zu erregen. Das Rätsel löste sich aber bald. Nicht ich, sondern unser chinesischer Diener Ta-kwan-li war der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Während er gleichmütig neben mir stand, in jeder Hand eine Reisetasche, auf seinem guten runden Gesicht den Ausdruck vollkommenster Indifferenz, und die kleinen geschlitzten Augen so zugekniffen hielt, als lohne es sich gar nicht, sie zu öffnen, um diese ganz neue Welt zu betrachten, standen Herren und Damen um ihn herum, riefen andere herbei, ihn auch zu begaffen, und tauschten allerhand Bemerkungen über sein Äußeres aus. Der Orientale, dem doch alles so gänzlich neu und befremdend sein mußte, war dem westlichen Menschen mal wieder ganz überlegen durch seine angeborene und anerzogene Ruhe. Er zeigte weder Erstaunen noch Neugier und sagte nur: »Wenn sie mich genug betrachtet haben, werden sie wohl aufhören.«