Von Mr. Bridgewater geleitet, langte die Konversation bald beim Imperialismus und der wachsenden Wichtigkeit der Vereinigten Staaten an. Mr. Bridgewater sagte: »Ich möchte ein Buch schreiben über den Eintritt Nordamerikas in das Konzert der Mächte, denn das ist die wichtigste Tatsache am Schluß des Jahrhunderts, und sie bedeutet nicht nur eine Verschiebung der realen Machtverhältnisse, sondern sie wird weittragende geistige Konsequenzen haben. Durch den zunehmenden Verkehr mit uns werden die Europäer von den amerikanischen Gedankengängen und von unsern Geschäftsmethoden beeinflußt werden. Wir sind daran gewöhnt, über alle Dinge, die uns angehen, informiert zu werden und sie frei zu diskutieren, und es ist schon jetzt bemerkbar, daß, sobald Amerika an einer Weltfrage beteiligt ist, diese Frage ganz anders ungeniert von den Zeitungen erörtert wird, als wenn es sich um rein europäische Angelegenheiten handelt. Je mehr aber die Zahl der Fragen zunimmt, in denen Amerika eine Rolle spielt, um so mehr wird auch diese Methode angewandt werden. Das ist ein erster Schritt, um die Europäer zu einem stärkeren Wunsch nach Selbstbestimmung und einem höheren persönlichen Verantwortlichkeitsgefühl zu erwecken; so werden sie lernen die Volksrechte höher zu schätzen und werden verlangen, über ihre eigenen Angelegenheiten auch selbst gehört zu werden; sie werden sich nicht mehr damit begnügen, blind geführt zu werden, wie es heute noch in allen auswärtigen Fragen geschieht. Nichts ist ansteckender als gewisse Ideen. Früher waren wir es, die alles aus Europa entnahmen, aber das ist längst anders geworden; heute sind wir schon beinah völlig unabhängig von der alten Welt und wir senden ihr Korn, Fleisch, Konserven und eine stetig zunehmende Zahl anderer Artikel – aber viel wichtiger als all das ist, daß die amerikanischen politischen Ideen Europa überfluten werden.«
»Halten Sie es wirklich für denkbar, daß amerikanische Anschauungen über Verfassungen sich in Europa verbreiten werden?« fragte Madame Baltykoff eifrig.
»Im letzten Ende ganz sicherlich ja«, antwortete Mr. Bridgewater.
»Da bin ich doch anderer Ansicht«, sagte mein Bruder, »denn das Wachsen der imperialistischen Tendenz in den Vereinigten Staaten, die Sie uns eben als wichtigste Tatsache dieses Jahrhundertsendes geschildert haben, ist ein speziell europäischer und monarchischer Zug. Je mehr Gewicht der äußern Expansion und einer starken auswärtigen Politik beigemessen wird, um so mehr werden die Volksvertreter, die sich notwendigerweise mehr mit inneren Fragen beschäftigen müssen, an Bedeutung verlieren. Eine große imperialistische Politik bedingt die Herrschaft einzelner großer Führer, und da haben die Länder den Vorteil, wo ein einzelner Mann an der Spitze des Staates steht.«
»Sehen Sie, Bridgewater«, sagte Anstruther lachend, »dieser Fremde prophezeit uns einen Kaiser, wenn wir auf dem Pfade der Intervention, Protektion, Expansion, der Kriege und des Inselschluckens verharren.«
»So wollen wir ihn aus dem Klub der Vierzig wählen«, antwortete unser Wirt, »dann werden wir sicher sein, daß er gescheit ist.«
»Ja, gescheit und voll moderner Ideen sollte Sam I. von Amerika freilich sein – sonst müßte er sich ja vor den europäischen Kollegen schämen.«
Auf dem Heimweg sprachen mein Bruder und ich davon, wie oft man hier die Empfindung bekommt, daß die Amerikaner uns Europäer als bemitleidenswert zurückgeblieben ansehen. Nachdem sie uns moderne Geschäftsmethoden gelehrt haben, wollen sie uns jetzt mit modernen Prinzipien im allgemeinen versehen und mit allem, was uns sonst auf geistigem Gebiet fehlen mag. Klingt das nicht sonderbar? Und sie haben doch eigentlich alles von uns, stehen auf unseren Schultern. Mein Bruder sagt, er erinnere sich noch sehr gut der Zeit, wo man nach Amerika kam und für alles so ein gewisses elterliches Wohlwollen hatte; die Amerikaner fragten damals begierig, ob man wirklich alles bei ihnen »sehr groß« fände, und freuten sich, wenn man was lobte. Jetzt sind sie überzeugt, uns überflügelt zu haben.
Na, es muß ja vorkommen, daß Kinder ihren Eltern über sind – wie wäre sonst das erste Genie entstanden?