Miß Tatiana unterhielt uns noch längere Zeit mit der erregten Diskussion verschiedener politischer Fragen. Der geduldige Baschmakoff bekam noch viel Schlimmes über Rußland von ihr zu hören und sie gab ihm zu verstehen, daß, wer nicht angelsächsischer Abstammung ist, nur schlaue Berechnung und Eigennutz zu Motiven seiner Handlungen haben könne.

Wenn Madame Baltykoff mir zuweilen als wandelndes Fragezeichen erscheint, so habe ich in Miß Tatiana eine lebende Assertion kennen gelernt. Sie erinnert mich an eine pommersche Gutsbesitzerin, die ich vor Jahren gegen direkte Steuern eifern hörte; in meiner damaligen Jugend und Unwissenheit fragte ich sie, was das sei, und erhielt die Antwort: direkte Steuern sind die, die man selbst bezahlt, indirekte Steuern solche, die andere Leute bezahlen, drum sind die ersteren schlecht und die anderen gut.

Miß Tatiana besitzt auch diese Gabe anschaulicher Definition und rascher Schlußfolgerung.


20.

New York, Januar 1900.

Lieber Freund, heute Nachmittag wollte ich die Frau unseres Konsuls besuchen. Ich fuhr mit der Hochbahn zu ihr, denn sie wohnt weit draußen, in einer der Straßen mit den ganz hohen Nummern, die mich immer an neuformierte, an den Grenzen aufgestellte Regimenter erinnern. Die Häuser sehen alle ganz gleich aus, man könnte jedes mit jedem verwechseln, und darin liegt wohl gerade das Militärische; sagte mir doch mal mit Begeisterung ein junger Verwandter, der seit ein paar Wochen Leutnant war: »Vollkommene Gleichmäßigkeit ist das Ziel, Verwischung der Individualitäten die erste Aufgabe.«

Da ich die Frau Konsul nicht zu Hause traf, ging ich von dort aus noch etwas auf eigene Faust explorieren, was mir immer viel interessanter ist, als wenn ich von patriotischen New Yorkern herumgeführt werde, die erwarten, daß ich mich für irgendein turmartiges Haus begeistere, in dem eine Zeitung gedruckt, Korn verkauft, oder Geld gewechselt wird.

Ich ging noch durch einige allerletzte Straßen. Weiter hinaus sieht es sehr bald aus, als sei man im fernen Westen. Weite leere Grundstücke erstrecken sich dort mit den seltsamsten kleinen Behausungen. Zelte, aus allen möglichen Fetzen zusammengeflickt, Löcher in die Erde gebuddelt wie Höhlen der Urzeitmenschen, daneben Hütten, die aus Latten, Kistendeckeln, verrostetem Wellblech und Stücken von Petroleumkasten zusammengezimmert sind. Eine ganze Bevölkerung mit unbestimmten Berufszweigen haust dort und treckt immer mehr hinaus, je weiter die Straßen mit den hohen Nummern vorgeschoben werden. Vielleicht prangt solch abenteuerliches Hüttchen auf der ersten Seite im Erinnerungsbilderbuch manch jetzigen Millionärs! Das wissen auch die Leute, die heute noch in den exzentrischen Quartieren äußersten Elends kampieren müssen, und deshalb ertragen sie alles leichter, weil sie es als ein Übergangsstadium ansehen und Beispiele vor Augen haben, daß man sich emporarbeiten kann. Das macht Armut in den neuen Ländern weniger drückend. Auch dem Ärmsten schwebt immer die Möglichkeit des finanziellen Marschallstabs vor. Darum kommen sie ja auch über das große Wasser, um die Hoffnungslosigkeit, die alte Resignation hinter sich zu lassen.