25.

New York, März 1900.

Liebster Freund! Heute ist mir so grau und trübe zu Mute wie draußen der Himmel, an dem immer neue Wolken vorbeijagen hinaus zur See.

Ich habe heute Ta zum Dampfer gebracht, auf dem er mit dem Provikar nach Europa abgereist ist. Heute Morgen kam er wie alle Tage, hatte die Sachen meines Bruders gebürstet und gefaltet, die Stiefel blank geputzt – das Methodische, Regelmäßige seiner Rasse lag in dieser kleinen Handlung, noch bis zur letzten Minute seine Arbeit zu tun. Sein Gesicht aber war ganz verändert, aufgedunsen vom Weinen, daß die geschlitzten Augen beinah ganz verschwanden. Der Gedanke, ihn gehen zu lassen, kam mir plötzlich ganz unmöglich vor, ich fühlte, wie mir selbst die Tränen in die Augen traten, ich sah ja auch, wie schwer es ihm wurde, und so sagte ich ihm: »Willst du nicht bleiben? Es ist ja noch Zeit, Ta.« Da verzog sich sein Gesicht zu jenem seltsamen, orientalischen Lachen, das wir Occidentalen nie ganz verstehen, das bei Gelegenheiten erscheint, wo es uns als vollkommen unangebracht, ja verletzend berührt, das in einer gewissen Schüchternheit wurzelt und dem rührenden Zug entspringt: meine Angelegenheiten sind viel zu gering, als daß sie dich stören dürften. So grinste denn der arme Ta, während er dem Weinen nahe war, und auf meine Frage antwortete er, indem er einen Finger auf den Mund legte, den Kopf schüttelte und ganz leise sagte: »Nicht sprechen, Taitai.«

Ja, er hatte recht, wozu auch sprechen über das, was nicht zu ändern ist.

Tas Abreise gestaltete sich zu einer kleinen Ovation. Die Hausmädchen in den sauberen weißen Mützen umdrängten ihn, mehrere brachten ihm kleine Andenken, und alle riefen ihm nach: »Glückliche Reise, Ta! Komme wieder, Ta! Aber bringe keine chinesische Frau mit, Ta!«

Und er grinste über sein armes verweintes Gesicht, wie es nun mal im fernen Osten die gute Erziehung gebietet, wenn man so recht gerührt und traurig ist.

Ich fuhr mit Ta zu seinem Schiff, wo ich ihn dem Provikar Hofer übergeben sollte. Vom Central-Park hinunter zum Hafen, durch die vielen verschiedenen Straßen, die immer ärmlicher, häßlicher und holpriger werden. In einer langen Reihe von Stufen irdischen Besitzes geht es von den Fifth-Avenue-Palästen hinunter zu den Tenement-Häusern, zu den Schlupfwinkeln für rätselhafte Existenzen und provisorisch aussehenden kleinen Läden und Kneipen, die man ganz verwundert ist, noch irgendwo in New York zu sehen. Von höchster Höhe bis zu tiefster Tiefe führt der lange Weg, von jenen, die vor der Langeweile von Vergnügen zu Vergnügen flüchten, bis zu denen, die im Kampf gegen Hunger und Kälte von Arbeit zu Arbeit hasten.

Auf dem Dampfer herrschte die furchtbare Verwirrung, das Rennen, Hasten, sich Suchen, das aufgeregte Sprechen, das nervöse Lachen, das Händedrücken, das Küssen und Weinen der letzten Stunde vor der Abfahrt. Unendlich viel verschiedene Typen, die die neue Welt auf jedem solchen Dampfer zurück nach Europa schickt! In die drei großen Kategorien der Vergnügungs-, Geschäfts- und Gesundheitsreisenden lassen sie sich einteilen. Von einer Menge Freunde werden die meisten Reisenden noch begleitet, so daß ein entsetzliches Gedränge auf dem Deck herrscht. Zwischen all dem stehen die Schiffsoffiziere, ebenso abgestumpft gegen komische wie gegen wehmütige Abschiedsszenen, und erteilen mit lauter Stimme Befehle, korrekt, vorschriftsmäßig, echt europäisch. –