Und ich dachte, ja, zuerst Auflehnung, dann stumpf und mürbe werden, das ist so Menschenlos. Der eine findet es hier in einer engen Irrenzelle, der andere draußen in der weiten Narrenwelt.

»Gottlob, nun hat er ausgelitten, nun ruht der arme Herr,« sagte der Wärter.

Ich schaute ihn erstaunt an. Der Mann sieht Jahr aus Jahr ein solche Schicksale vor sich und kann noch Gott loben!

Vielleicht aber hatte er recht. Leiden ist das Übel, Tod nur Ende und Erlösung.

Immer stiller ward es in mir. Ich war so völlig ruhig, daß es mich selbst erstaunte. Und konnte doch eigentlich nicht anders sein. Die Verzweiflung meines Lebens, die Anklagen gegen das Schicksal liegen weit zurück in vergangenen Jahren. Als es niemand noch wußte, als ich für eine glückliche Frau galt – das war meine härteste Zeit. Damals lehnte ich mich innerlich auf. Unerträglich war das Gefühl eigener Zwecklosigkeit, unerträglich der Jammer um mein junges Leben, das mir noch so unabsehbar lang vorkam. Jetzt scheint mir das alles überwunden. In mir ist schon lange eine große Stille – ich gleiche einem jener ausgestorbenen Häuser, wie die Resignation sie gern bewohnt. Dies Grab ändert nichts mehr. Ohne neue Trauer stand ich daran. Dem Schicksal sei's gedankt, daß von dem Grab keine Anklage sich gegen mich erheben kann, dem Schicksal sei es auch gedankt, daß in mir selbst die Bitterkeit längst schweigt.

Wehmut und Mitleid allein sind geblieben.


28.

Berlin, Mai 1900.

Die Zeit meines Bruders ist kurz bemessen. In einer Woche muß er nach New York zurück. Jetzt ist er auf ein paar Tage zu seinem Chef gereist. Ich warte hier in Berlin auf ihn, und dann werden wir uns zusammen einschiffen, denn natürlich gehe ich wieder mit ihm – wir gehören ja seit soviel Jahren nun schon zusammen und sind uns gegenseitig ein Stück Heimat. Sie, lieber Freund, werden das gewiß verstehen. Hier sagen mir freilich viele Bekannte, ich solle doch nun in Berlin bleiben und mir ein Heim gründen – als ob dazu nur gehörte, eine Wohnung zu mieten und Dienstboten zu engagieren. Manch einer näselt dann auch wohl: »Wäre gerade, was in Berlin fehlt, Haus einer unabhängigen Frau, geistiges Milieu, neutraler Grund, könnte politisch von Bedeutung werden.«