Draußen war es sehr neblig, sehr grau und eisig kalt geworden.

Ein oder der andere Passagier fragte wohl mal, ob keine Kollisionsgefahr sei. Dann wurde geantwortet: »In diesen nördlichen Breitengraden fahren gar keine anderen Dampfer, und sollten wir unwahrscheinlicher Weise einem Segelschiff begegnen, so sind wir eben die Wuchtigeren.«

So ging es im dicken Nebel weiter, und in langen gleichmäßigen Zwischenräumen ertönte das schauerliche Nebelhorn.

Die übrigen Reisenden hatten das Rauchzimmer oder ihre Kajüten aufgesucht; ich war allein auf Deck, in meinen dicksten Pelz gewickelt.

Der Nebel war dichter als je zuvor, die sichtbare Welt schien auf ein paar Fuß zusammengeschrumpft zu sein, drüber hinaus war alles ein unheimliches Grau, das lautlos hin und her wogte. Zentnerschwer fühlte ich eine Last, die sich mir aufs Herz legte, so daß ich kaum zu atmen wagte – und diese Last war eine namenlose Angst vor dem grauen Etwas, das die ganze Welt um mich her erfüllte. Ich kam mir so einsam vor wie noch nie im Leben, als sei ich ganz allein, als letztes Lebewesen, und als schwebte ich angstvoll suchend durch den endlos leeren Weltenraum. Und wie ich so hinausstarrte, begann es in dem Grau zu wogen, zu steigen und sinken; es war, als wehe der Wind dicke, schwere Schleier hinweg, und plötzlich lag klar und dicht vor mir ein Stück kalte, dunkle, nordische See. Ein Felsen erhob sich daraus, schneebedeckt und an all seinen Zacken Eiszapfen tragend, die bis zu dem schaurigen Wasser herabhingen. Oben aber auf dem Felsen saß ein riesiger Eisbär, in den Tatzen das Gerippe des letzten Tieres haltend, das er in der Einöde gefunden. Er schaute sich um, als wollte er sagen, »nun bin ich Alleinherrscher der Welt«. – Aber da tat sich das schwarze Wasser auf, und heraus tauchte ein Ungeheuer mit Schlangenleib, Fischflossen und rot bemähntem Walroßhaupt; Seetang hing ihm am nassen Maule und Reste kleiner Fische – die letzten, die es noch in der See gefunden; auch seine grünlich glasigen Augen schienen zu sagen: »Nun bin ich ganz allein Herr der Welt.« Da aber erblickten sich die beiden, der riesige Eisbär und das Seeungetüm. Die Flossen peitschten die Wogen, die Tatzen umkrallten den Felsen. Noch waren beide gesättigt, aber schon maßen sie sich mit den feindlichen Blicken künftiger Gegner. Sie hatten die ganze Welt entvölkert und trafen sich nun hier in der Einöde zu letztem Kampfe. Der würde entscheiden, wer Herr der Welt blieb! –

»Wir waren heute den Aleuten ganz nah,« sagte der Kapitän beim Abendbrot, »einen Augenblick konnte man eine der kleinen Inseln durch den Nebel sehen.«

Ich aber hatte die Empfindung, als hätten sich die Wolken, die uns umgeben, einen Augenblick geteilt, und ich hätte einen Blick getan in die Geschichte der Welt, die ja oft eine Geschichte wilder Tiere ist. –


3.

Vancouver, August 1899.