Der Onkel antwortete: »Was Ihnen, lieber Hanz-Buckau, als charakteristisch erscheint für Land und Epoche, in denen Sie zufällig geboren sind, hat in Wirklichkeit immer und überall bestanden, denn alle Zeiten sind stets davon überzeugt gewesen, an großen Männern reich zu sein. Durch das spätere Urteil der Geschichte entsteht aber oftmals gerade dort eine Öde, wo die Zeitgenossen ein Gewühl sahen. In unmittelbarer Nähe sieht alles groß aus, aber wenn die Erscheinungen erst in eine gewisse Entfernung rücken, die Vergleiche und die Anlegung eines allgemeinen Maßstabes gestattet, ergibt sich die wahre, dauernde Bedeutung der Dinge. Die echten Riesen, auf die es allein ankommt, kommen schließlich immer zum Durchbruch, und Werte ganz zu fälschen, ist nur auf kurze Zeiten möglich – drum lasset den Eintagsgötzen die Eintagsanbeter.«

»Ihr Onkel,« wandte sich Hanz-Buckau an mich, »hat zeitliche Begriffe bereits überwunden. Für ihn sind Luther, Friedrich der Große, Goethe und Bismarck gegenwärtige Realitäten, Manifestationen ein und desselben großen germanischen Geistes, die zusammen bestehen. Geringeres übersieht er. Der Ärger von uns Kleinen über die zeitweilige falsche Größe anderer ebenso Kleiner ist ihm ganz gleichgültig. Nur auf die Genies kommt es dem Onkel an. – Ich will Ihnen ganz leise ein Geheimnis verraten: der Onkel ist eigentlich, ohne es selbst zu wissen, einer von den ganz schrecklich Modernen!«

Hanz-Buckau hatte das mit der sich selbst verspottenden Zärtlichkeit gesagt, die immer durch seine Stimme klingt, wenn er vom Onkel spricht. Es ist, als solle man nicht wissen, wie lieb er ihn hat.

Es war spät geworden und also sprechend hatten mich die beiden bis auf den Treppenabsatz begleitet vor des Onkels Wohnungstür. Eine schmale Treppe führt von da noch hinauf zum Boden, und von hoch oben fiel ein goldener Nachmittags-Sonnenstrahl gerade auf den Onkel, der die Hand auf das Geländer gestützt hatte, die durchsichtige, feine Hand, die emsig die Feder geführt hat ein Lebenlang. Ich hatte mich schon verabschiedet, aber tausend feinste Erinnerungsfäden zogen mich zu ihm hin und ich kehrte noch einmal zurück und beugte mich über die lieben Greisenhände. Eine Träne fiel auf sie – – der Onkel ist einer der allerletzten aus meiner Kinderzeit.

»Mein gutes Kind,« sagte der Onkel, und in seiner Stimme lag das ganze Mitleid derer, die schon über dem Leben stehen, für diejenigen, die sich noch mitten drin befinden. Vielleicht ahnte der Onkel, wie unsäglich verlassen ich mir in dem Augenblick vorkam, denn es klang auch wie eine Ermahnung in den Worten, ruhig zu sein, alles Exzessive zu bezwingen und wo es nicht vermieden werden kann, es doch still im Innern zu verbergen. Wie eine klassische Gestalt von olympischer Ruhe erschien mir der Onkel, wie ein alter Maharattah-Häuptling, der mir einst in Indien seinen golddurchwirkten Shawl zeigte und mir sagte: »Der schützt vor Sonne und Kälte, vor Wind und Staub, und sein führnehmster Dienst wird einstmals sein, mich im Sterben zu umhüllen, und so meine letzte Todesnot zu verbergen.« Der Onkel besitzt sicher solchen golddurchwirkten Maharattah-Shawl. Man sieht von ihm nur, was man sehen soll – und das ist alles harmonisch verklärt, »lichte Höh«, wie Hanz-Buckau sagt.

Und ich bezwang die Tränen, die mir schon brennend in den Augen standen, deutete auf die Treppe, die die drei Stockwerke hinab in zunehmende Dunkelheit führte und sagte: »Leb wohl, Onkel, jetzt steig ich wie Rautendelein hinunter in den finsteren Schicksalsbrunnen.«

Hanz-Buckau antwortete: »Ja, in den müssen wir schließlich alle mal hinab, und das Leben ist ein beständiges Abschiednehmen.«

Langsam schritt ich die vielen Stufen hinunter. Noch einmal schaute ich hinauf. Nebeneinander standen die Beiden oben, von der Sonne beschienen – der weißhaarige Mann, der in der Einsamkeit des Alters milde lächelte, und der arme Verwachsene, dem äußerliches Gebrechen, Entsagung heischend, Schicksal geworden ist. Sie beugten sich über das Geländer und winkten mir nach.