Was mag aus unserem Häuschen geworden sein? Was aus den Menschen allen, die ich dort gekannt, die inmitten Tausender fremder und feindlicher Wesen so ahnungslos sicher dahinlebten? Es ist, als seien sie alle weggezaubert, versunken in eine Nacht, die unser Blick nicht zu durchdringen vermag. Immer wieder sehe ich sie alle vor mir, wie sie sich am Morgen unserer Abreise in unserem kleinen Hofe versammelt hatten, um uns Lebewohl zu sagen. Öde und ausgeräumt war alles und Ta dirigierte die Kulis, die sich die letzten Koffer und Kisten aufluden. Man saß auf den Treppenstufen und auf dem Rücken der alten Steinschildkröte herum, und alle Sprachen schwirrten durcheinander. Abschied wurde genommen und Rendez-vous in der Pariser Ausstellung verabredet: Auf Wiedersehen! auf Wiedersehen! tönt es mir immer wieder in den Ohren. Wie oft und ahnungslos haben wir doch alle an jenem Morgen das Wörtchen wiederholt! Und dazu knatterten die Feuerwerke, mit denen die Chinesen alle Abreisen begleiten, um die bösen Geister zu verscheuchen. Aber die füllten wohl schon damals das ganze Land, unsichtbar lauernd harrten sie ihrer Stunde und keiner von jenen, die da standen, fühlte ihre Gegenwart. Denn das Schicksal schlägt mit Blindheit, die es zu verderben gewillt ist.

Und Sie, der Sie vielleicht der Einzige waren, der ahnend vorausschaute, wo sind Sie, lieber Freund? – das ist die quälendste, unerträglichste Frage. In immer neuen Gefahren glaube ich Sie zu sehen.

Wann werden wir wissen? oder ... werden wir nie wissen?...


47.

New York, den 25. Juni 1900.

Mein Tagebuch ist mein einer großer Trost. Ich vertiefe mich ganz in seine Lektüre. In ihm erlebe ich Vergangenes immer von neuem und vergesse zeitweise die qualvolle Gegenwart. Ich kann verstehen, was ganz alte Leute meinen, wenn sie von der großen Freude sprechen, die es gewährt, einen Menschen zu treffen, der uns kannte, als wir jung waren. Mein Tagebuch ist mir wie jemand, der mich schon lange kennt, in dem ich mich wiederfinde, und vor allem ist es mir jemand, der Sie gekannt hat. Wie lang verweil ich doch bei den Seiten, in denen ich etwas von Ihnen wiederfinde!

Heute las ich von einem Morgen, an dem Sie mich abholten, um mir in chinesischen Läden bei Besorgungen für das Häuschen zu helfen. Nur wenige Worte enthält mein Tagebuch darüber, aber die rufen mir alles wieder lebhaft vor Augen.

Ob Sie sich wohl auch noch daran erinnern?

Es war Winter. Wir gingen durch das finstre Tor der Tatarenstadt und dann über die Bettlerbrücke, uns mühsam einen Weg bahnend zwischen langen Zügen mongolischer Kamele, zahllosen wirr durcheinanderfahrenden blauen Karren und einem Gewühl seltsam fremdartiger Menschen: Mongolen, in breitabstehenden Pelzmützen und dicken ockergelben und kupfrig roten Röcken; Chinesen, fröstelnd trotz ihrer vielen wattierten Gewänder, die Hände unter den lang überhängenden Ärmeln verborgen, auf dem Kopf einen spitz in die Höhe stehenden roten Baschlick, der fest um den Hals zugebunden war. Andere trugen über den Ohren kleine Pelzfutterale; man konnte sie oft mehrmals anrufen, sie hörten gar nichts und wurden beständig von Karren und Reitern angerannt.