49.
New York, den 27. Juni 1900.
Seit wann weiß ich eigentlich, was Sie meinem armen, in frühem Morgensturm entwurzelten Leben geworden sind? Hab ich es dort in Peking schon geahnt? Hab ich es jetzt erst allmählich entdeckt? Ich weiß es nicht mehr. Mir ist, als hätte es nie anders sein können. – Wir haben es uns nie so ganz gesagt – aber wir beide wußten es doch wohl immer. So vieles lag zwischen uns, hemmend und trennend. – Wozu da reden? Und sind wir nordische Menschen nicht alle etwas Stumme des Himmels? Es ist, als hindere uns eine gewisse Scheu, unsere tiefsten Gefühle auszusprechen. Mit der Feder sind wir viel beredter, da fühlen wir uns allein und frei, als könne niemand hören, was wir lautlos dem Papier anvertrauen.
Äußeren Schicksalszwanges hat es bedurft, um klar zu sehen, der Angst, die die Schleier zerriß.
Wenn ich an meine jungen Jahre denke, die des Lebens schönste sein sollten, so habe ich immer nur die eine Erinnerung an eine Last, die über meine Kräfte ging, die ich weiter trug, weil ich mir nicht zu helfen wußte, weil ich im Ertragen nicht schwach war, aber wohl viel zu schwach und öffentlichkeitsscheu, um selbst mein Schicksal in die Hände zu nehmen und es nach eigenem Willen umzuwandeln. Ich trug es wie es nun einmal war.
Ich habe einige Frauen vom Übermenschtypus gesehen, die dasjenige einfach abschüttelten, was sie in der freien Entfaltung ihres Ichs hinderte; die schicksalsstark waren und selbstgestaltend in ihr Leben eingegriffen; denen die eigene Person das Idol war, vor dem sich alles beugen mußte. Ich habe auch Frauen gekannt, die zwei getrennte Leben führten, ein Leben vor aller Augen offen, kalt, grau, von unendlicher Langeweile; und daneben ein anderes, verstecktes, voll süßer Geheimnisse, voll erstohlenen Glücks, das die Leere und Öde des ersteren ersetzen mußte.
Beide Arten von Frauen habe ich angestaunt, vielleicht auch etwas beneidet, aber ich hätte keine je nachahmen können – es wäre allzusehr meiner innersten Natur zuwider gewesen.
Ich habe gewartet. Gleich vielen Frauen, die ihr Leben lang nichts tun als warten.
Die Wandlungen in meinem Leben sind immer von außen gekommen.