Die jetzt also ausfahren, schließen sich der größten aller Flotten an, die in endlosen Schiffreihen hinaus segelt in verschleierte Fernen, zu unbekannten Häfen; jener Flotte, die bestanden hat, so lange es Menschengeschichte gegeben, deren Anfang in die nebligen Fernen urältester Vergangenheit reicht, die seit den Tagen der Ägypter, Perser und Griechen von Jahr zu Jahr gewachsen ist, die nimmer enden wird. Sie ist bemannt mit grauen Leidensgestalten, mit den Zahllosen, den Namenlosen, die von jeher die Schuld der Wenigen getragen.
Und alles ist Fügung Gottes.
55.
Bay View, 19. Juli 1900.
Wenn mein Bruder nachmittags aus New York zurückkehrt, gehe ich ihm immer entgegen, jedesmal von neuem hoffend, daß er endlich Kunde des Wunders bringen wird. Aber jedesmal schüttelt er schon von weitem den Kopf – keine Nachricht, noch immer keine. Dann fragt er mich, womit ich den Tag verbracht, und wenn ich ihm die stets gleiche Antwort gebe, daß ich Ihnen, liebster Freund, geschrieben habe, sagt er kein Wort, aber ich lese ihm den Gedanken von der Stirn »Wozu noch?« Er spricht ihn jedoch nie aus und läßt mich ruhig gewähren – wie eine hoffnungslos Kranke, die uns jammert und der man so gern ein paar Stunden des Wahnes gönnt. Muß ich nicht jeden jammern? ich und die Vielen, die sich seit Wochen grämen wie ich? Wie ich? Mir ist, als könnte sich kein zweiter Mensch so in Angst verzehren, als sei dies Leid nur einmal möglich in der weiten leidvollen Welt.
56.
Bay View, 20. Juli 1900.
Was wird in solchen Zeiten nicht alles wieder in mir wach! Alter Aberglaube ersteht wieder, den ich auf immer für abgetan hielt – selbst in das Handeln mit dem lieben Gott verfalle ich zurück. Wie lang, wie lang ist es doch her, daß ich den alten Kaufherrn mit dem langen Silberbart um etwas angegangen bin, aber heute hab ich ihn stürmisch gebeten: »Laß ihn nur leben, laß ihn nur gerettet sein, und ich will dafür auf alles verzichten, will ihn nie wiedersehen, nie mehr seine Stimme hören, nie mehr seine Hand halten – aber laß ihn leben, laß ihn gerettet sein.«