Stündlich verfolge ich nun mit den Gedanken ihren Zug, sehe in der Erinnerung beständig das Land zwischen Tientsin und Peking, wie ich es gerade jetzt vor vier Jahren zuerst erblickte, sehe die wehenden grünen Hirsefelder wieder und den braunen Peiho, auf dem die schwerfälligen Boote, mit großen Segeln besetzt, träge stromaufwärts glitten, den endlosen Windungen des Flusses folgend. Damals gab es noch keine Eisenbahn – heute existiert sie nicht mehr! In Hausbooten reisten wir den Peiho hinauf. Vier Tage dauerte die heiße Fahrt. Und all die Namen, die heute die Zeitungen füllen, Ho-hsi-wu, Pei-tsang, Yang-tsun, vernahmen wir damals zum erstenmal, sahen diese grauen Hüttenflecken, die jetzt geschichtliche Orte geworden, an denen Schlachten geschlagen werden.
60.
Bay View, 10. August 1900.
Manchmal ist mir, als hörte ich ganz deutlich Ihre Stimme. – Dann geht ein Zittern durch mich, der Atem stockt, die Herzschläge fliegen, und ich schließe die Augen und lausche in namenlosem Glück.
Bald, bald muß es ja sein. Zuerst werde ich gar nicht auf die Worte achten können und nur immer den lieben Klang trinken. Wie lang ist es doch schon her! Wissen Sie es noch? Haben Sie sich auch so unsagbar, so unaussprechlich gesehnt? So wie ich gesehnt?
Aber in wenigen Tagen muß ja die furchtbare Angst und Trennungszeit vorüber sein. Bald, bald müssen die Befreier vor Peking stehen.
Nicht wahr, liebster Freund, dann kommen Sie auch gleich, gleich! auf dem schnellsten Schiff, auf dem kürzesten Weg – ich kann es ja nicht länger ertragen.
Was liegt Ihnen noch an alten chinesischen Handschriften? Mögen die doch alle untergehen! Ich gebe Ihnen dafür mein ganzes Herz, darin zu lesen, und was in ihm steht, ist auch schon alt, ist nicht schwer zu enträtseln und dünkt mich eine so jugendschöne Entdeckung.
Was kümmert Sie noch China? Mag doch der Norden mit Wutki und der Süden mit Ale verzehrt werden, mögen sich die jüngeren Hungernden auch noch jeder seinen kleinen Imbiß zusammenstehlen, aus den Krümeln, die von den Mahlzeiten der älteren, erfahrenen Weltenräuber abfallen – oder mag es zu gar keinem Muspili kommen, sondern alles hübsch im Sande verlaufen, wie man es hier möchte, wo der Wunsch to be well out of it schon laut wird – mag man in ein paar Monaten schon wieder von den unerschütterlichen alten Freundschaftstraditionen reden und der alten Kaiserin die Hand schütteln – was kümmert es uns?