Mich dünkt, als läg ich hier seit vielen Wochen. Und es sollen doch nur wenige Tage sein. Raum und Zeit verschwimmen für mich. Die Minuten enthalten so endloses Leid, so verzehrende Sehnsucht, daß ich sie mühsam wie Ewigkeiten durchlebe. Vergangenes scheint so nahe, daß ich mit der Hand danach greife ... aber die Hand selbst verschwimmt ... das Fußende des Bettes schiebt sich in unendliche Weiten ... ich sehe den eigenen Leib nicht mehr ... er ist zur ganzen Welt geworden ... und schmerzt ... schmerzt vom ganzen Weltenweh.
Ich kann die Feder kaum halten ... alles verwirrt sich ... und alles schmerzt ... immer ärger. Kälte ... Finsternis. Ich kämpfe gegen das Dunkel ... das Grauen. Ich will, will, will – bei klarem Bewußtsein sterben. Keine Angst – keine Verzerrungen ... der Abgrund ... das Entsetzen!... aber doch ... Freude!... Freude!... zu Dir.
Warum haben sie mich noch einmal geweckt? Warum die Qual noch verlängert? Ist es denn noch nicht genug? Ich schlief schon ... hielt Deine Hand ... es schien ... vollbracht ... und nun?... ich finde Dich nicht mehr ... wo ... wo war es doch?... warten ... immer wieder warten ... und dann?... nichts?...
Nachwort.
Meine Schwester, die die vorstehenden Briefe geschrieben, unser Freund, der sie empfangen sollte, ruhen nun beide. Sie hier am Strande des Atlantischen Ozeans, er in der fernen chinesischen Erde.
Als wir im Mai 1900 von Berlin zurückgekehrt waren, wo mein seit Jahren rettungslos geisteskranker Schwager gestorben war, hatte ich gehofft, daß das Leben meiner Schwester nun vielleicht doch noch nach dem schweren, drückenden Tag einen versöhnenden Abend bringen könne. Es schien mir, als lebe sie auf, sich selbst dessen kaum bewußt. Aber während der entsetzlichen Wochen, in denen die ganze Welt über das Schicksal der in Peking Eingeschlossenen in qualvoller Ungewißheit bangte, verzehrte sie sich in Angst um unsern Freund; und als dann die Nachricht seines Todes eintraf, nachdem wir schon alles für gerettet und gewonnen gehalten hatten, erlosch ihr Leben nach wenigen Tagen.