Als das Kind gesättigt war, legte sie es hin und sagte barsch: „Heute kommt es ins Findelhaus.“

Dann ging sie zur Thür hinaus.

Erschüttert ging Helene weg.

Sie dachte: „So schwer ist unser Leben. Ein Schicksal liegt auf unserem Scheitel. Und man öffnet uns nicht die Augen. Man läßt uns lächeln und vertändelt sein. Wir wissen nichts vom Leben. Wir fehlen oder thun Gutes, werden dafür verurteilt oder gelobt und begreifen selbst nichts davon. Einst sollen wir dieses Schauerliche und Süße werden: Mütter! Wir tragen der Menschheit Zukunftshoffnung in unserem Schoß.“

Helene gelobte sich: „Und ich will dieser armen Toten gedenken, wie die einfache Frau mich durch ihr Thun gelehrt: nicht mit Worten oder schönen Gefühlen, sondern in Werken.

Warum sagt man uns nichts vom Leben, von unserem Leben, damit unsere eigenen Seelen nicht leichtsinnig verworfen werden, sondern weiß und heilig bleiben, für das Schicksal, das unserer harrt?“

Sie ging die Straßen entlang, ihrem Hause zu. Mechanisch streiften ihre Augen die Aufschriften an den Läden. An einer Thür hing ein Schild: Heute Schlachtfest.

Ihre verletzte Seele buchstabierte den Augen nach: Schlachtfest. Sie sah das bluttriefende, noch rauchende Fleisch, aus dem der ihm eigentümlich fad-üble Geruch stieg. Da ein Bein, dort der Kopf, enthäutet, noch mit den Augen darin. Das hatte noch vor wenigen Stunden gelebt. Darin pulsierte fröhlich das Blut, welches nun zerronnen am Fleisch klebte. Auch das ist unter Qual dem Leben gegeben worden, dachte sie. Dann: „Wie können Mütter sich von Getötetem nähren? Frauen muß alles Geborene heilig sein. Der Mann mag das Töten verherrlichen, wir aber wollen das Leben feiern und alles Geborene ehren und schützen. Denn in uns liegt des Lebens Sinn. Und unser Werk dieser Erde muß Güte sein und wieder Güte und der Güte nie genug...“