Nun wollte sie etwas Verbotenes lesen.

Mittags schlich sie, einen plausiblen Vorwand vorschützend, hinaus und trat in des Vaters Arbeitszimmer. Dort nahm sie ein x-beliebiges, dünnes Buch mit extravagantem Einband. Das mußte „so etwas“ sein.

Dann trug sie es in ihr Bett, legte es unter die Polster, um danach scheinbar gleichgültig ins Speisezimmer zurückzukehren.

Nachts, als alles schlief, zündete sie an, um zu lesen. Richtig! Eine Liebesgeschichte für erwachsene Leute!

Sie verstand nicht alles, allein es war sehr schön: Da liebte ein Mann ein Mädchen. Und er sagte ihr: Das Leben ist ernst und schwer. Wollen wir miteinander gehen und treu zusammen aushalten? Das Leben ist oft schmutzig, du aber bist rein wie eine weiße Blüte am hohen Aste. Willst du mein Weib und mein Kind und meine Mutter sein? Sie aber sah ihn mit ihren reinen Augen an und legte ihre Hände vertrauend in die seinen.

Bertha las, las — ihre Wangen wurden fiebernd. Dann glitt das Buch aus den Händen, über die Decke — sanft hinab bis auf den Teppich, wo es zuklappte.

Ihre Gedanken aber kamen drohenden Gespenstern gleich, höhnend: Siehst du, siehst du! Nun haben deine Lippen geküßt. Du Schulmädchen mit dem Schulbuben, ihr schriebt euch Liebesbriefe, statt zu lernen.

Nun hast du die zarte Knospe Liebe in deiner Seele aufgerissen, ehe es Frühling ward. Und das Leben ist so lang und so schön! — Wenn es dann einmal Mai in deinem Herzen wird und einer vor dich hintritt (dem du nicht Küsse giebst, weil es die Eltern verboten) — wirst du ihm so selig — rein in die Augen sehen können? So glücklich, wie im ersten Kuß an einen, der deiner wert ist!

Ja, nun ist eines schon vorüber — eins hast du dir selbst für immer schon zerstört. Wen hast du gestraft in deinem Kindertrotz? Deine Eltern oder dich?

Siehe zu, das Leben ist schwer. Da weinte sie um ein Süßes, Ewig-Verlorenes, Niewiederbringliches, das sie verscherzt, wie die ersten Menschen das Paradies.