Die Mutter sah ihr in die Augen, strich ihr über die Scheiteln: „Hast du mir nichts zu sagen, mein Kind?“
Plötzlich wurde der Kleinen weich zu Mute: die Mami belügen! So etwas! Aber dann kam der aufrührerische Kindertrotz in sie: „warum sind sie immer hinterher, mich zu quälen, mich auszuspionieren, als ob ich etwas Schlechtes thun wollte. Justament! da habt ihr’s, nun thue ich’s erst recht.“
„Gut, mein Mädchen: du weißt noch nicht, daß selbst der Dieb Einwände und Entschuldigungen für sich findet.“
Der Mama entgegnete sie: „ich weiß nicht, was du hast, es ist nichts.“
Dann ging sie nach einem gewissen Ort, dem einzigen, wo sie allein gelassen wurde, und las: „Glühende Liebe — Triebe, Sonne — Wonne.“
Es war wunderbar schön! Sie zitterte dabei vor freudiger Aufregung.
Er bat um ein Rendezvous. Gott! wo denn? Man ließ sie ja nie allein.
Aber es ging doch, weil es verboten war. Er sah sie am Schulweg, und in einer Hauseinfahrt drückte er ihr schnell die Hände, umschlang und küßte sie. Das war herrlich! Die ganze Zeit dachte sie nichts als: na, wenn Papa und Mama das wüßten!
Max erzählte ihr auch von schönen Büchern, die er bereits gelesen. Er wollte ihr dieselben auch leihen. Das konnte er, der sie stets heimlich aus seines Vaters Bibliothek entwendete.
Aber da wurde ihr Stolz gekränkt. Sie lehnte dankend ab. Denn sie hatte auch Mut, und auch ihr Papa eine Bibliothek.