Die Hagere seufzte: Ja, ihr! Aber was soll ich sagen! Ihr wißt, ich bin Frauenrechtlerin, habe einen nun bekannten Namen, jedes Blatt citiert mich. Man betrachtet mich förmlich als die Berufene, über die künftige Stellung des Weibes in der Gesellschaft zu entscheiden. Weib, Gesellschaft, Stellung, ich pfeife nun auf sie!
Wie ich jetzt so nachdenkend mit euch sitze, scheint es mir, als hätte ich mich in eine Einseitigkeit verbissen, die so schlimm ist als irgend eine andere. Ich nahm an, daß wir Frauen höchst unwürdig lebten. So als eine Art Püppchen für Männer. Nette Tändeldinge ihrer freien Stunden. Nichts weiter. Mir graute davor. Ein Gattenfang! Damit ist das Leben aus. Und sonst nichts für uns an den Tischen des Lebens! Und dieses ekelhafte Hinarbeiten auf dieses eine Ziel. Sonst nichts. Wenn ich nur diese verschiedenen Weiblichkeiten sehe, sich drehend und Augen rollend vor allem, was männlich ist! Nein, ich kann euch diesen Ekel nicht mitteilen. Die große Leidenschaft, die hätte ich wohl anerkannt, auch in meiner radikalsten Emancipierungsperiode. Aber ihr werdet mir zugeben, daß die gewaltige Liebe, die sich einsetzt und behauptet gleich einem Naturgeschehnis, selten ist, wie die Sintflut.
Also blieb nichts, als dieses kleine Stückchen Speck, das verlockend in der Mausfalle der Ehe hing. Und das waren wir, und immer wieder wir! Thränen der Wut habe ich über unser Los geweint! Glaubt es mir!
Dann dacht ich mir so ungefähr: weg mit diesem falschen Königstum und Sirenentum des Weibes. Verdient, plagt euch, arbeitet! Das hat auch sein Königliches. Es giebt euch Freiheit, damit ihr nicht so um den Mann zu buhlen braucht. Und dann, wenn wir arbeiten wie er, wollen wir auch seine Rechte haben.
Aber, nun werde ich irr an mir. Ueber die erste Jugend hinaus, die ich keusch und stolz, nichts wissend von Liebe verbracht hatte, scheint unauslöschlich all das, was ich verdammte, in köstlichsten Lockfarben. All’ das, was ich öffentlich vertrete, verwünscht mein Inneres. Ich zweifle. Oft bringe ich Stunden dahin, im Innern zu widerlegen, was ich doch überzeugt einst geschrieben habe. Oft auch kommt mir dieser Schmerz, als hätte ich die Frauen, statt zur Selbständigkeit zu noch Sklavenhafterem verleitet: nämlich zur Nachahmung der Mannesthätigkeit. Dann... dann hätte ich ihrer Natur den Boden unter den Füßen weggezogen, so daß sie rettungslos versinken müssen. Seht ihr, das ist schrecklich!
Warum Mannes-Wissenschaft? rief sie, während die Hälfte der Zuhörerinnen sie nicht verstand. Was ist das! Weil sie es so gefunden haben, soll es so die absolute Wahrheit sein? Nichts ist es, als ihre Anschauungsweise. Man kann einen Berg von oben und unten und rechts und links betrachten. Warum ist es gleich das Einzig-Richtige, von woher die Männer ihn sahen. Und seht ihr, gerade zu diesem Schauen hab ich die Frauen verführt. Vielleicht wäre aus ihnen selbst heraus in Generationen einmal etwas gekommen. Niemand kann sagen, was. Aber Etwas! Ich fühle es, daß es möglich gewesen wäre. Und muß es Wissenschaft sein? Dies Männliche, die Wissenschaft!
Im Gehirn liegen noch feinere Möglichkeiten, den Dingen beizukommen, als das Denken!
Die Hagere hatte sich in Eifer geredet. Keine der Anwesenden verstand sie, kaum eine war darunter, die nur nachfühlen konnte, welches innere Martyrium über diesem selbstlosen Frauenleben lag. Nur das Aeußerliche, Lächerliche daran wurde ihnen klar.
Und weil sie nun schon am Spötteln waren, so kritisierten sie sich heimlich gegenseitig.
Die Närrin, die niemand angeschaut!