[113] Ein derartiger Vorgang lag beim österr. Kohlengräberstr. vor (vgl. Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff.), wäre aber auch beim reinen Kl-str. denkbar.

Bei politischen Forderungen kommt es zwar hauptsächlich auf die Stärke des direkten gesellschaftlichen Druckes an, doch läßt sich dieser indirekt noch durch den gewerblichen Druck, den der Streik auf die Unternehmer ausübt, steigern; denn zeigen letztere auch wenig Entgegenkommen bei ökonomischen Forderungen, die sie ev. aus der eigenen Tasche befriedigen müßten, so neigen sie hier naturgemäß eher ein wenig zu Konzessionen, wo sich der immerhin auch bei Massenstreiks erwünschte gewerbliche Frieden auf Kosten dritter, nämlich auf Kosten der Regierung erkaufen läßt. Je nachdem im Arbeitgeber der Staatsbürger oder der Unternehmer vorherrscht, wird er seinen Einfluß für oder gegen die Arbeiterforderung in die Wagschale werfen.[114]

[114] Je mehr der Unternehmer seinen Schaden "auf die politische Maschine" übertragen könne, "um so wirksamer wird der Streik sein" (Adler, Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126 ff.; ähnl. Kautsky, a. a. O.).

Bricht der Klassenstreik in einem revolutionären Moment aus, wenn also eine Kluft zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat besteht, so kann auf letzterem außer dem direkten unter Umständen auch noch der von Gesellschaft und Unternehmertum auf die Regierung überwälzte, also ein indirekter Streikdruck lasten.

Eine Überwälzung eines indirekten Streikdrucks auf die Regierung ist natürlich in wirklich demokratischen Staatswesen völlig gegenstandslos,[115] da in solchen eine Kluft zwischen Regierung und Volksmajorität prinzipiell ausgeschlossen ist. Überhaupt ist in der durchgeführten politischen Demokratie jeder politische Streik so überflüssig,[116] wie es der gewöhnliche Streik bei durchgeführter gewerblicher Demokratie sein würde.[117] Nur wer, wie die französischen revolutionären Syndikalisten, an die ausschlaggebende Bedeutung sektiererischer Minoritäten glaubt, der wird auch in der Demokratie den Streik predigen.[118]

[115] Gegen den pol. M-str. in der Demokratie äußerte sich z. B. der Schweizer. Arbeitersekretär Greulich; vgl. auch z. B. Bourdeau, p. 442.

[116] Kautsky, a. a. O. p. 732, 733.

[117] Bernstein, z. B. "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 416 ff.

[118] "La démocratie ... opprime la minorité qui porte en elle l'avenir. La tactique de combat syndicaliste n'a aucun égard à la masse, qui ne veut pas vouloir, et met au premier rang ceux qui sont décidés à agir" (Pouget, cit. bei Bourdeau, p. 44; vgl. auch Lagardelle, "Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", und Deville, "Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in Frankreich", p. 26, 27). Jaurès (vgl. "Aus Theorie u. Praxis", p. 119 ff., und "Grève et Révolution" [Humanité, 5. Nov. 05]), der diesen Standpunkt ursprünglich bekämpfte, macht den Syndikalisten doch insoweit Konzessionen, als er zugibt, "la grève générale en France ... pourra communiquer à la masse lourde de la démocratie l'animation concentrée dans la classe ouvrière organisée. Elle pourra même abreger l'agonie du régime capitaliste".

Treten politische und wirtschaftliche Forderungen zusammen auf[119] so kann der Gesamtdruck hierdurch verringert oder verstärkt werden, je nach der Stellungnahme der Unternehmerschaft. Ist diese von vornherein zu unbedingter Ablehnung der wirtschaftlichen Forderungen entschlossen, so wird sie sich kaum für die Durchsetzung der politischen Wünsche bemühen, wenn deren Erfüllung den Streik doch noch nicht beendigen würde. Liegt den Unternehmern aber die politische Forderung selbst am Herzen, so kommen sie vielleicht ausnahmsweise den Arbeitern in ökonomischer Hinsicht entgegen, um deren Streikfähigkeit zu steigern.[120]