Hingegen wird die Insurrektion wohl stets mit Arbeitsruhe verknüpft sein. Bei früheren Revolutionen, zur Zeit der Vorherrschaft der handwerksmäßigen Technik, mag die Arbeitsruhe freilich nur eine geringe Rolle gespielt haben, denn die unterbrochene Handwerksarbeit läßt sich nicht allzuschwer wieder aufnehmen, und wo etwa doch eine ernstliche Störung eintrat, berührte diese, wegen der Enge des Marktgebiets, nur einen verhältnismäßig kleinen Kreis; bei der heutigen industriellen Entwicklung aber dürfte die Revolution fast notwendig mit dem Klassenstreik verbunden sein.[134]
[134] Ein Beispiel hierfür scheint die russ. Revolution zu bieten.
Neben der Verweigerung der Produktionskraft des Proletariats tritt die allgemeine Zurückziehung seiner Konsumkraft aus dem bürgerlichen Wirtschaftsleben sowohl wegen der geringen proletarischen Kaufkraft, als auch wegen der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten selbständiger Verproviantierung an Bedeutung vollständig zurück.[135] — Praktisch ebenso erfolglos ist die Zurückhaltung von Leistungen gegenüber dem Staat, sei es auf dem legalen Weg der parlamentarischen Steuerverweigerung oder des Boykotts steuerbelasteter Waren,[136] sei es in rechtswidriger Weise durch die militärische Dienstverweigerung oder eigenmächtige Steuerverweigerung.
[135] Schon in der Chartistenbewegung wurde "exclusive dealing" und "run on the banks for gold" (Gammage, p. 109), während der österr. M-streikdebatten Bezugsbeschränkung auf Konsumvereine und Kleinhändler vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122ff.); es tauchte in Österreich auch der Plan auf, einen ev. pol. M-str. durch Verweigerung des Wohnungszinses zu unterstützen (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105). Das Umgekehrte liegt bei den "Hungerstreiks" vor, wo nur das eigene Leben einer Gefahr ausgesetzt wird, um hierdurch zu demonstrieren, um "durch Imponderabilien, durch Furcht vor Skandalen, durch Erweckung menschlicher Empfindungen doch einen Eindruck zu erzielen" (vgl. Liebknecht, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195).
[136] "Abstinence from all excisable articles" (Gammage) schon bei den Chartisten geplant, ähnl. in der österr. Wahlrechtsbewegung vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 122ff.).
[Zweiter Teil:] Geschichte des Klassenstreiks und der Klassenstreikidee.
[Erstes Kapitel:] Vorläufer.
§ 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und in neuerer Zeit.
Der Klassenstreik ist keineswegs so neu, wie es ihm manche seiner heutigen Entdecker nachrühmen.[137] Denn er trat schon in den sozialistischen "Flegeljahren" auf,[138] er erschien bereits an der Wiege der modernen Arbeiterbewegung. Und eigentlich ist er noch viel älter; eigentlich stammt er aus dem Altertum. Die antike Geschichte kennt zwar keinen wirklichen Klassenstreik in unserem modernen Sinn, aber doch immerhin klassenstreikähnliche Bewegungen: nämlich den "sagenhaften Massenstreik der Juden in Ägypten, der nach der Bibel ausbrach, weil die Beamten des Pharao den jüdischen Ziegelarbeitern nicht das nötige Stroh zum Ziegelbrennen lieferten, und am Ende der Dinge die Folge hatte, daß Pharao mit seinen Truppen im roten Meer ertrank".[139] Und eine klassenstreikähnliche Bewegung war auch der Auszug der Plebejer auf den heiligen Berg im Jahre 494 v. Chr.[140] Wollten die gedrückten Bauern die Patrizier durch diesen Entzug militärischer und ökonomischer Kräfte in Verlegenheit setzen und dadurch zur Nachgiebigkeit bewegen? Wollten sie nur den unerträglichen Lasten entfliehen? Jedenfalls war den Römern die Wirkung der Sezession empfindlich genug, um ihre Beendigung durch ein kostbares politisches Recht, das Volkstribunat, zu erkaufen.[141]