[206] Vgl. Albert Thomas, a. a. O. p. 358.

Unter den Mitgliedern der Internationalen Arbeiter-Assoziation waren es hauptsächlich die Anhänger Bakunins, revolutionäre und antipolitische Gewerkschafter, die den Generalstreik-Kultus betrieben. Allerdings mußte er während der inneren Kämpfe zwischen Marx und Bakunin etwas in den Hintergrund treten. Der Bakuninistische Flügel erklärte sogar auf seinem Kongreß in Genf 1873[207] offiziell, daß "bei dem gegenwärtigen Stande der Internationale" die Lösung des Problems vorläufig ausgeschlossen sei; diesem resignierten Scheinbeschluß widersprachen übrigens die in geheimer, also maßgebender Sitzung geäußerten Anschauungen, die auf Befürwortung des Generalstreiks teils als Mittel der Expropriation, teils als Mittel der Agitation und Reform gingen.[208]

[207] Vgl. Umrath, a. a. O. p. 13, 14.

[208] Vgl. Pouget (Enquête, p. 39).

Die Klassenstreikidee verschwand nun vorläufig wieder von der Tagesordnung der internationalen Arbeiterbewegung[209] und kam erst in den 1880er Jahren, im Anschluß an die anarchistischen Versuche in Amerika, wieder zur Sprache.

[209] Vgl. Umrath, a. a. O. p. 13, 14.


Zweites Kapitel: Die moderne Arbeiterbewegung. a) Geschichte des politischen Massenstreiks.

§. 10. Belgien.

Was den Chartisten Ende der 1830er Jahre vorgeschwebt hatte, das wurde von den belgischen Arbeitern gewissermaßen neu entdeckt und in Wirklichkeit umgesetzt: der Klassenstreik erschien zweimal als bedeutsame Episode in der belgischen Wahlrechtsbewegung.[210] Die ausgedehnten Streiks der Bergleute mochten den Gedanken nahe legen, den Ausstand auch einmal in den Dienst politischer Forderungen zu stellen.[211] Jedenfalls faßte seit dem Jahre 1890 die belgische Arbeiterpartei die Möglichkeit eines nationalen Ausstands zur Erringung der Verfassungsrevision ernstlich ins Auge. Schon 1891 traten, im Anschluß an die Maifeier, über 100 000 Bergleute in einen politischen Streik und errangen damit vorläufig wenigstens die Zusicherung der Revision.[212] Da der Wunsch nach einer solchen weiteste Kreise der Bevölkerung ergriffen hatte, willigte die Regierung im Februar 1893 schließlich auch darein,[213] lehnte aber das allgemeine, gleiche Wahlrecht von vornherein ab, obgleich ein Tags zuvor unter den 111 700 Stimmberechtigten von Brüssel und seinen Vorstädten veranstaltetes privates Referendum über die verschiedenen Wahlrechtsprojekte sich mit 46 000 von 60 279 abgegebenen Stimmen für den Antrag des Radikalen Janson, nämlich das allgemeine, gleiche Wahlrecht, ausgesprochen hatte.[214] Am lebhaftesten trat die Arbeiterpartei, die damals überhaupt noch keine parlamentarische Vertretung besaß, für die Ablösung des Zensussystems durch das demokratische Wahlsystem ein, und sie beschloß,[215] bei Ablehnung desselben, (oder bei Beeinträchtigung durch Pluralstimmen, die nicht auf allgemein menschlichen Kriterien, sondern auf Grund- oder Diplombesitz beruhen würden), sofort die "grève générale" zu proklamieren; sie forderte auch (am 8. April) die Arbeiterschaft auf, sich zum Äußersten bereit zu halten. Die maßgebenden politischen Kreise legten indeß dieser Drohung offenbar nur sehr geringe Bedeutung bei;[216] hatte doch auch kurz zuvor erst ein angesehener belgischer Arbeiterführer die Möglichkeit des Klassenstreiks, selbst bei so entwickeltem Industrialismus wie in Belgien, überhaupt in Abrede gestellt.[217] — Immerhin traf die Regierung für alle Fälle einige polizeiliche Vorkehrungen, die sich aber bald als ungenügend erwiesen. Denn nachdem der Verfassungsrat[218] den Antrag Janson mit 115 gegen 26 Stimmen abgelehnt und mit der Prüfung der übrigen Vorschläge begonnen hatte, dekretierte der Generalrat der belgischen Arbeiterpartei den allgemeinen Ausstand,[219] der alsbald ausbrach[220] und Brüssel,[221] die größeren Provinzstädte,[222] vor allem die Bergwerksdistrikte,[223] im ganzen ca. 250 000 Arbeiter[224] umfaßte und acht Tage lang währte. — Die von den Ausständigen veranstalteten Protestversammlungen, Umzüge und anderen Manifestationen führten mehrfach zu Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, besonders wenn diese Aktionen mit Ausschreitungen verbunden waren,[225] und sie forderten, vor allem auf Seiten der Arbeiter, zahlreiche Opfer.[226] — Diese Ruhestörungen verstimmten die Liberalen, so daß sie anfingen, ihr Zusammengehn mit den Arbeitern zu bedauern; andererseits währten auch ihnen die Kammerberatungen allzulang.[227] Sie forderten dringend eine Entscheidung,[228] verständigten sich am 16. April mit den Ultramontanen, und bereits am 18., während draußen der Streik noch auf seinem Höhepunkt stand, nahm die Kammer das Pluralwahlrecht nach überraschend kurzer Debatte, und ohne daß man sich über die Durchführbarkeit des komplizierten "Verlegenheitssystems" recht klar geworden wäre, mit 119 gegen 14 Stimmen (bei 11 Enthaltungen) an. — Diese Nachricht erweckte in den demokratischen und sozialistischen Kreisen große Begeisterung und hatte fast überall eine sofortige Beruhigung der Gemüter zur Folge; am gleichen Abend noch beschlossen Versammlungen in Brüssel und Gent die Wiederaufnahme der Arbeit. Der Generalrat der Arbeiterpartei Belgiens behielt sich zwar weiteren Kampf gegen das Pluralwahlrecht vor, forderte die Arbeiterschaft aber auf, sich vorläufig mit der prinzipiellen Einführung des allgemeinen Wahlrechts zufrieden zu geben. Am 20. April war der politische Streik bereits beendigt und die Ruhe allgemein wieder hergestellt.[229]