[425] Sächsische Arbeiterzeitung, cit. im Vorwärts, 4. Juli 06. Diese "kühne Sprache" zeigte sich in dem äußerst temperamentvollen Bebel'schen Referat (vgl. auch Prot. Parteitg. Mannheim, p. 297 ff.), ferner in der Debatte, in der lebhaft auf den "Heldenkampf des russischen Proletariats" verwiesen wurde.

[426] Sie hofften, das russische Feuer werde auch nach Deutschland hinüber zünden.

[427] Z. B. Kurt Eisner in der "Neuen Gesellschaft", cit. im Vorwärts, 12. Juli 06; Stapfer, "Wahlrechtsbewegung und Massenstreik".

[428] Diese Annahme sei nach der Art der Einleitung der Wahlrechtsbewegung begreiflich (vgl. Frankf. Ztg. 5. Juli 06).

[429] Als eine solche faßten sie die Jenaer Resolution auf (vgl. die "Einigkeit", 2./9. 05); ähnlich auch z. B. Nieuwenhuis (cit. bei Michels a. a. O.) und Ed. Berth (Notes Bibliographiques, Mouvement socialiste, 1. u. 15. Nov. 05, p. 374).

Eine ganz andere Auffassung der Jenaer Resolution trat in der Februar-Konferenz und in der Verteidigung der Bebelschen Thesen[430] zu Tage. Man bemühte sich, "die irrtümliche Auffassung, die mancherorts durch die Jenaer Resolution verbreitet war, zu zerstreuen".[431] Von maßgebender Seite wurde dieser auf einmal nur noch defensiver, der Diskussion darüber nur akademischer Charakter zugebilligt.[432] Es wurde auch bestritten, daß im Frühling 1906 ein Massenstreik berechtigt gewesen wäre.[433] Diese Interpretationswandlung aber wurde von den tatendurstigen Genossen als ein unliebsames "Bremsen",[434] als eine "Preisgabe" der Jenaer Beschlüsse empfunden und beklagt.[435] Der Geist des Jenaer Parteitags war allerdings in der Februarkonferenz "verraten" worden, mußte verraten werden. Inzwischen war nämlich die dringend notwendige "Ernüchterung" eingetreten,[436] und es drängte sich den leitenden Persönlichkeiten nunmehr die Einsicht auf, "daß man sich zu weit vorgewagt habe".[437] Zu dieser peinlichen "Schamade"[438] wurde die Sozialdemokratie durch die Macht der Verhältnisse gezwungen. Diese aber bestanden

1. in der dauernden Ablehnung des Klassenstreikprojekts seitens der Gewerkschaften.[439] Man war sich darüber klar, daß ohne deren Mitwirkung, besonders ohne die Mitwirkung der mächtigen Zentralverbände eine Inszenierung des Klassenstreiks überhaupt nicht möglich sei.[440]

2. in dem gänzlichen Mangel einer irgendwie erheblichen Streikstimmung; denn die in Volksversammlungen angenommenen temperamentvollen Resolutionen zeugten viel mehr von der Unternehmungslust einiger Führer, als von "revolutionärer Energie" der Massen.[441]

3. in dem Mangel tatsächlicher Macht der deutschen Arbeiterbewegung gegenüber Staat und Gesellschaft. Dieser Mangel brachte selbst zahlreiche Anhänger des politischen Massenstreiks schließlich zu der Erkenntnis, daß dessen momentane Inszenierung nicht nur völlig aussichtslos,[442] sondern auch "im höchsten Maße gewissenlos" sein würde.[443]

[430] Verteidigung durch den Vorwärts, den Parteivorstand, Legien usw.