Dem Wortlaut nach war die vielbesprochene Jenaer Resolution eine kleine historische Abhandlung über die für die Partei betrübenden Zustände in deutschen Landen und über die Notwendigkeit, sich gegen Bedrohungen und Vorenthaltungen unentbehrlicher Rechte zu wappnen. Die Resolution empfahl daher, neben andern Mitteln und unter Voraussetzung genügender Organisation und Aufklärung, "gegebenenfalls" die In-Betrachtziehung des politischen Massenstreiks.[417] Das bedeutete an sich wirklich nur "die Freigabe des Themas zur Diskussion"; das bisher partei-offiziell verpönte Mittel wurde "parteihoffähig",[418] "moyen "permis".[419] Eine Festlegung der Taktik fand nicht einmal in defensiver Hinsicht statt,[420] so daß es "praktisch ... bei der Gewerkschaftsdevise "kommt Zeit, kommt Rat" blieb.[421] — In dieser äußerlich so harmlosen Resolution wurde aber vielerorts eine "Fanfare", die Ankündigung großer Aktionen für die nächste Zukunft erblickt.[422] Begreiflich genug! Mußte doch jede Maßregel, die auf einem Parteitag zur Sprache kam, um so mehr den Anschein unmittelbarer Aktualität gewinnen, als die deutsche Sozialdemokratie bisher rein akademische Disputationen auf Parteitagen prinzipiell mißbilligt hatte.[423] Daher kann es nicht überraschen, daß aus der bloßen In-Betrachtziehung des Klassenstreiks auch auf seine baldige Inszenierung geschlossen wurde. Eine scheinbare Bestätigung fand diese Annahme in dem "revolutionären Taumel",[424] "der kühnen Sprache von Jena".[425] Dies war die Quelle, aus der einige Ultraradikale den Glauben an einen baldigen katastrophalen Massenstreik zur Herbeiführung der sozialen Revolution,[426] verschiedene Revisionisten[427] die Zuversicht sofortiger Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Preußen mittels politischen Massenstreiks,[428] die Anarchosozialisten die Hoffnung auf weitere Konzessionen seitens der Partei[429] geschöpft hatten.
[417] Prot Parteitg. Jena 05, p. 142.
[418] E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik". ("Einigkeit", 9. Dez. 05.)
[419] Michels, a. a. O. p. 305.
[420] Vgl. Legien (Prot Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.); David, Michels (a. a. O.) Labriola (cit. bei Michels) und andere sprachen der Jenaer Mstr.-Resolution einen rein defensiven Charakter zu.
[421] David, "Rückblick auf Jena".
[422] Vgl. z. B. die Sächsische Arbeiterzeitung, cit. im Vorwärts, 14. Juli 06.
[423] Vgl. Bebel, "Der Bremer Parteitag"; Liebknecht, Prot. Parteitag Köln a. Rh. 1893, p. 171; Heine, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"
[424] Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896; auch Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 297 ff.