[441] Daß im Frühjahr 1906 die M-str.-Stimmung nicht vorhanden war, geben z. B. Leimpeters, "Die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften" p. 928, Bebel und andere Redner am Mannheimer Parteitag (Prot. p. 236, 266, 273, 274, 286), ferner z. B. auch die Düsseldorfer Volksztg. (zit. im Vorwärts, 5./7. 06) und der Vorwärts (14./7. 06) zu.
[442] Die Anhänger des katastrophalen M-streiks fanden, daß eine revolutionäre Situation vorläufig in Deutschland nicht gegeben, die Möglichkeit hierzu durch das Anwachsen der Reaktion in Rußland wieder verschwunden sei (Roland-Holst, "Zur Massenstreikdebatte"; Kautsky; Vorwärts [Prot. Parteitag Mannheim 06, p. 263, 269, 276]). Auch v. Elm ("Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p. 734) und Bebel hielten den Moment nicht für geeignet. Es brach die Erkenntnis durch, daß die russischen Vorbilder doch nicht für Preußen paßten (vgl. Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; Bebel, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227 ff.; David, ebenda, p. 259), daß auch die österreichische Wahlrechtsbewegung unter wesentlich andern Umständen vor sich gehe, als die preußische (Legien, Prot. Parteitg. Mannheim, p. 241 ff.; Vorwärts, 12. Juli 06). Schließlich teilte der größte Teil der Partei und der Parteipresse, sowie natürlich auch die Gewerkschafter, diese Meinung (vgl. auch Leo Arons, "Ergebnisse und Aussichten der preußischen Wahlrechtsbewegung"); nur wenige beklagten die momentane Ablehnung des pol. M-streiks (z. B. das Bochumer "Volksblatt" und die Dortmunder "Arbeiterztg.", vgl. Vorwärts, 5. u. 6. Juli).
[443] Heine, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; Rob. Schmidt (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 332). — Wie ungünstig die deutschen Verhältnisse überhaupt für den polit. Streik liegen, zeigt der Massenstreikversuch in Hamburg vom 17./1. 06. Da an diesem Tag die entscheidende Abstimmung über die Wahlrechtseinschränkung in der "Bürgerschaft" vor sich gehen sollte, hatte die sozialdemokratische Partei eine Reihe von Protestversammlungen veranstaltet; infolge starken Besuchs derselben ergab sich eine kurze Arbeitsunterbrechung in "fast sämtlichen Fabriken", auch eine Verkehrshemmung auf der Alster; es folgten nächtliche Krawalle im Schoppenstehl, die übrigens nicht von organisierten Arbeitern, sondern von zweifelhaftem Großstadtpöbel veranlaßt wurden; hiermit erreichte die Bewegung ein peinliches Ende (vgl. Vorwärts, 14. Juli 06; Prot. Parteitg. Mannheim 06 p. 27, 44).
In Deutschland bildet die Massenstreik-Diskussion einen Gradmesser für das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft. Mehr und mehr muß die Partei sich letzterer unterordnen.[444] Auch die gewünschte Einigung in der Massenstreikfrage kam nicht auf Grund der Parteiauffassung, sondern tatsächlich auf der Basis der Kölner Gewerkschaftsresolution zu Stande.[445]
[444] Dies wurde beim Friedensschluß in Mannheim, im Anschluß an die Massenstreikdebatte, auch anerkannt.
[445] Kautsky ("Maifeier und Generalstreik", Leipziger Volksztg. 20. 5. 05) wünschte die Einigung schon 1905, freilich im Sinne der Parteiauffassung.
Aus der vorläufig abgeschlossenen Diskussion ist den Arbeitern zum Glück kein Schaden erwachsen, es sei denn, daß der üble Eindruck, den die ganze Angelegenheit machen mußte, auch noch ein wenig bei der sozialdemokratischen Wahlniederlage von 1907 mitgewirkt hat; Nutzen brachte sie ihnen auch nicht,[446] außer daß die Sozialdemokratie dadurch vielleicht zu der Einsicht gekommen ist, daß sie mit der Phrase mehr, als dies bisher der Fall gewesen, aufräumen müsse.
[446] Kolb ("Von Dresden bis Essen") charakterisiert die M-str.-Diskussion als "total überflüssig".