Der amerikanische Gewerkschaftskongreß von 1885 hatte beschlossen, am 1. Mai 1886 zur Eroberung des Achtstundentags einen Generalstreik zu inszenieren. Für dieses Unternehmen engagierte sich hauptsächlich die junge Chicagoer Anarchistenpartei.[447] Die "Knights of Labour" freilich beteiligten sich nur ungern; die sozialistische Partei wirkte überhaupt nicht mit.[448] Die Bewegung umfaßte ca. 300 000 Arbeiter.[449] Sie verlief ohne wesentlichen Erfolg und führte zur Hinrichtung der anarchistischen Führer in Chicago.

[447] Anfang der 1880er Jahre hatte Most unter den deutschen und böhmischen Arbeitern in Amerika bes. in Chicago Anhänger gefunden (vgl. Georg Adler, Art. "Anarchismus" im Hdwb. d. Staatswften., 2. Aufl. 1, p. 313, 314.)

[448] Bourdeau, "Les grèves politiques" p. 428.

[449] Vgl. Umrath, a. a. O. p. 13, 14.

Diese amerikanischen Ereignisse übten einen gewissen Einfluß auf die Arbeiterbewegung auch in Europa aus. Hier arbeiteten sie einerseits der späteren Maifeierbewegung vor,[450] andererseits frischten sie die Generalstreikidee auf, die nun unter der Pflege der Anarchisten besonders in den romanischen Ländern festwurzelte.

[450] Es soll, nach den "Temps nouveaux", seit 1886 von einer internationalen Manifestation für den G-str. die Rede gewesen sein (cit. bei Weill, a. a. O. p. 275, Note).

In Frankreich wurde diese aus Amerika importierte Generalstreikpropaganda anfänglich (in den 1880er Jahren) kaum ernst genommen. Sie bemächtigte sich aber bezeichnenderweise alsbald des Gewerkschaftswesens oder doch wenigstens seiner tonangebenden Kreise und bildete ein ständiges Thema aller Arbeiterkongresse.[451] Die "Fédération nationale des Syndicats" votierte schon 1888, wiewohl damals noch stark unter dem Einfluß der streng marxistischen Guesdisten stehend, auf ihrem Kongreß in Bordeaux-le Bouscat, mit Enthusiasmus für den Generalstreik als Emanzipationsmittel. Briand, der sogenannte "Vater des Generalstreikgedankens", der "général gréviste",[452] entfaltete eine eifrige Propaganda für diese Idee, so daß sie rasch an Anhängern gewann und auch auf dem Syndikatskongreß in Marseille, 1892, zur peinlichen Überraschung der Guesdisten, den Sieg davontrug.[453] Ebenso erklärte sich der Pariser Kongreß von 1893, unter dem Eindruck der kurz zuvor durch das Ministerium Dupuy verfügten Schließung der Pariser Arbeitsbörse, mit Begeisterung für das Generalstreikprinzip; immerhin nahm der Kongreß Abstand von der durch 25 Delegierte geforderten sofortigen Proklamation des allgemeinen Ausstandes.[454] Gerade wegen des Generalstreiks spaltete sich schließlich die "Fédération nationale des Syndicats" (in Nantes, 1894). Die Minorität schwenkte gänzlich zu den Guesdisten ab,[455] die Majorität verwandelte sich in die "Confédération du Travail" (C. T.), die sich zum Generalstreik bekannte[456] und ein "Comité de la grève générale" einsetzte.[457]

[451] Weill, a. a. O. p. 275; vgl. für das Folgende auch p. 405 ff.; Léon de Seilhac, "Le monde social", p. 9, 27, 29, 36, 37, 85, 194-196, 211, 219, 293; Halévy, "Essais sur le Mouvement ouvrier en France", p. 79, 90, 124, 226, 285, 286; Léon Blum, "Les congrès ouvriers socialistes français", p. 111, 112, 125, 129, 134-139, 141, 144, 146, 147, 149-153, 156, 160, 161, 172, 180, 184, 190.

[452] Vgl. Briand, "La grève générale et la révolution" p. 3, 4.

[453] Als Mittel zur Erreichung wirtschaftlicher, politischer und revolutionärer Zwecke (vgl. Briand, a. a. O. p. 6; Blum, a. a. O. p. 134 ff.; Buisson, "La grève générale", p. 37).