Die Vorliebe der französischen Arbeiter für den Generalstreik wird durch die Ausdehnung des "gelben" Gewerkschaftswesens in Frankreich noch künstlich verstärkt. Da die sozialistischen Syndikate in der Anwendung des normalen Streiks sich immer wieder durch die "jaunes", die organisierten Arbeitswilligen, gehindert sehen, so verfallen sie auf allerlei bizarre Auswege und erwarten, weil der partielle Streik oft scheitert, alles Heil vom generalisierten Ausstand.[471]

[471] W. Z. in der sozialen Praxis (Nr. 36, Sp. 951, 6. Juni 07, Art. über den "Bund vaterländischer Arbeitervereine und die gelbe Gewerkschaftsidee"): die 5-600 000 "Jaunes" seien "ein Fluch der französischen Gewerkschaftsbewegung, die in ihrer legitimen Betätigung durch die Gelben gehemmt und gelähmt, zu der diabolischen Theorie der action directe, dem Generalstreik und der Sabotage gedrängt worden ist". — Auch die Bedrohung des Streikrechts im Jahre 1896 — (der Senat wollte den Arbeitern in den öffentlichen Anstalten das Streikrecht nehmen, was große Empörung in den Syndikaten hervorrief; das Projekt kam nie in die Kammer [vgl. Weill, p. 334]) — soll die G-streiktendenzen gefördert haben (vgl. Briand, p. 12ff.).

Hierzu gesellten sich nun noch politische Enttäuschungen. Die übertriebenen Hoffnungen, die sich vielfach an die sozialistische Mitregierung geknüpft hatten, waren sehr bald enttäuscht worden.[472] Das Interesse am Parlamentarismus überhaupt wurde durch den chronischen Zwist in den sozialistischen Parteigruppen untergraben. Kein Wunder daher, daß die Gewerkschaften sich allein auf sich selbst angewiesen sehen wollten und die "direkte Aktion" predigten, mit der sie die zerspaltene Arbeiterbewegung zu kitten und neu zu beleben hofften.[473]

[472] Thomas, "Achtung!.. usw.".

[473] Weill, p. 275, 405.

Bei der eigentümlichen Beschaffenheit der sozialistischen Parteien Frankreichs (Abhängigkeit im Wahlkampf von der Freundschaft der Gewerkschaften),[474] mußten diese sich natürlich auch mit dem Generalstreik befassen, und je tiefer die Idee der grève générale in die syndikalistischen Kreise eindrang, um so mehr mußte sie auch politischerseits geschont werden.[475] Im vergeblichen Kampf gegen den Generalstreik büßten die Guesdisten Anfang der 1890er Jahre ihren Einfluß in den Gewerkschaften ein,[476] und die Allemanisten traten ihr Erbe an. Sie waren hierzu durch eine energische Generalstreikpropaganda aufs Beste vorbereitet.[477]

[474] Vgl. meinen Aufsatz über "Die politische Arbeiterbewegung Frankreichs in den letzten Jahren" (Archiv f. Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, XXIII, 2).

[475] Weill, p. 408.

[476] Die Guesdisten verstanden sich 1890 in Lille höchstens zur Konzedierung eines intern. Bergarbeiterstreiks für den 8-St.-tg. (vgl. Blum, p. 124 ff.); später freilich machten auch sie einige Zugeständnisse: so auf dem Parteitag zu Ivry, 1900, wo sie ihre Unterstützung zusicherten, falls ein G-str. nötig werden sollte (vgl. Mouvement socialiste, IV. p. 553); ähnlich sprach sich auch ihr Parteitag zu Lille, 1904, aus (Enquête, p. 76 ff.).

[477] Die Allemanisten erkannten stets, z. B. auf ihren Kongressen 1891, 1892, 1894, den G-str. als bestes Kampfmittel und als Mittel der sozialen Revolution an (vgl. Weill, p. 405, 406; Blum, p. 128 ff.; Enquête, p. 2-24; Albert Richard, "Manuel socialiste", p. 78, 79.); sie gingen den extremen Syndikalisten aber noch lange nicht weit genug (vgl. z. B. Pouget, [Enquête, p. 63 ff.]).