Auch der sog. Einigungskongreß von 1899 trug der syndikalistischen Strömung Rechnung[478] und setzte den Generalstreik unter die "Mittel und Wege zur Eroberung der Macht".
[478] Briand hielt, nach Ansicht des "Comité de la grève générale", ein "plaidoyer irrésistible en faveur de la grève générale" (vgl. Vorwort zu Briand, p. 2); in der folgenden Diskussion wurde hauptsächlich die Exklusivität, der G-str. aus Prinzip, bekämpft (vgl. Delory [Enquête, p. 63 ff.] und "Congrès général des Organisation socialistes françaises Paris 1899, p. 395, 410.).
Jaurès nahm den Generalstreik in die Prinzipienerklärung des Kongresses von Tours auf,[479] vermutlich, um sich im Kampf gegen Guesde der Gewerkschaften zu versichern, machte aber für die Syndikalisten dabei noch viel zu viele Einschränkungen.[480]
[479] Weill, p. 408.
[480] Jaurès, "Aus Theorie und Praxis", p. 250; seine Einschränkungen zogen ihm den heftigsten Tadel der Syndikalisten zu (vgl. Weill, p. 408, und Enquête, p. 52 ff.).
Auch die geeinte Partei mußte dem Syndikalismus ihre Reverenz erweisen und billigte in Limoges (auf Jaurès' Antrag) ausdrücklich die syndikalistischen Generalstreiktendenzen.[481] Derartige Beschlüsse bleiben freilich regelmäßig auf dem Papier, geben aber immerhin einen guten Maßstab ab für die reale Machtverteilung zwischen Partei und Gewerkschaft.
[481] Rappoport, p. 231.
Um einen Einblick in die Art und Weise der französischen Generalstreiks zu gewinnen, genügt ein typisches Beispiel, der Generalstreik in Marseille vom Jahre 1904.
In Marseille bestanden seit Jahren zwischen den Hafenarbeitern und Seeleuten (inscrits maritimes) einerseits und den Schiffahrtsgesellschaften andererseits beständige Reibereien teils wegen wirtschaftlicher Forderungen, teils und hauptsächlich wegen der Regelung der Disziplin an Bord.[482] So verlangten die inscrits z. B. die Einführung eines Beschwerdebuchs auf den Schiffen,[483] nachdem sie schon die Entfernung einiger mißliebiger Schiffsoffiziere gefordert und schließlich auch erreicht hatten. Dadurch gekränkt und aus Solidaritätsgefühl mit den gemaßregelten Kollegen, traten nun die Schiffsoffiziere in den Ausstand, was eine Aussperrung der Hafenarbeiter und Matrosen zur Folge hatte.[484] Hierauf antwortete die Arbeiterschaft mit Proklamierung des Generalstreiks in Marseille und mit Aufforderungen an die Hafenarbeiter aller Häfen Frankreichs, ja aller Häfen des Mittelmeers zum Solidaritätsstreik.[485] Beide Ausstände nahmen bedeutende Dimensionen an. Der Hafenarbeiterstreik griff nicht nur auf andere französische, sondern auch auf die benachbarten spanischen und italienischen Häfen über.[486] Dem Generalausstand in Marseille selbst schloß sich eine Arbeiterkategorie um die andere an.[487]